Ein Club brennt. Flammen fressen sich durch die Decke, Rauch kriecht wie ein schwarzer Gedanke in jede Lunge. Und was machen wir? Wir zücken unsere Smartphones. Wir filmen. Wir halten drauf. Manche tanzen weiter. Manche singen. Manche lächeln sogar noch in die Kamera, als wäre das alles nur ein besonders immersives Feuerwerk. Willkommen im Zeitalter der totalen Selbstentfremdung, präsentiert in Hochauflösung.
Ja, viele waren jung. Ja, Alkohol im Spiel. Ja, Gruppendynamik, Tunnelblick, Überforderung. Alles bekannt. Alles erklärbar. Aber nichts davon erklärt, warum der erste Reflex nicht mehr Flucht ist, sondern Dokumentation. Warum das eigene Überleben offenbar weniger wichtig ist als der Beweis, dass man «dabei war». Statt Instinkt: Livestream. Statt Hilfe: Content. Statt Denken: Aufnahme läuft.
Das ist keine moralische Abrechnung mit den Opfern. Wer das so lesen will, hat den Punkt schon wieder verfehlt. Es ist eine Abrechnung mit uns. Mit einer Gesellschaft, die ihre Sinne ausgelagert hat. An Displays. An Algorithmen. An Maschinen, die entscheiden, was wichtig ist, während wir vergessen haben, wie sich Gefahr anfühlt.
Smartphones haben uns nicht dumm gemacht. Aber sie haben uns bequem gemacht. Und Bequemlichkeit ist in Extremsituationen tödlich. Wer gelernt hat, dass das Gerät denkt, filtert, bewertet, warnt, der wartet eben auch dann noch auf ein Signal, wenn längst Rauch in der Lunge brennt. Kein Push, keine Panik. Kein Alarm, kein Instinkt. Also alles gut, oder?
Es gibt dieses eine Foto. Kein explizites Grauen. Keine Leichen. Kein Blut. Und trotzdem schaut man es nicht leicht an. Weil es diesen Moment einfriert, in dem noch alles möglich gewesen wäre. Silvester. Gläser. Licht. Musik. Gesichter voller Erwartung. Dieses gefährliche Gefühl von Sicherheit, das uns glauben lässt, Kontrolle sei ein Naturzustand.
Niemand achtet auf Details. Niemand fragt, ob das gerade wirklich harmlos ist. Niemand denkt daran, dass ein einziger Moment reicht. Ein Funke. Ein Defekt. Eine Entscheidung zu spät.
Dann kippt etwas. Nicht sichtbar. Spürbar. Die Luft wird schwer. Die Musik wird Lärm. Die Party ist vorbei, ohne dass es jemand merkt. Der Übergang ist lautlos. Zeit läuft nicht weiter. Sie reisst.
Dieses Bild erzählt heute keinen Luxus. Es verkauft keinen Lifestyle. Es zählt den letzten Atemzug der Normalität. Es zeigt diese unfassbar dünne Linie zwischen «alles okay» und «nichts wird je wieder wie vorher». Und das Bittere ist: Man muss das Jenseits nicht sehen, um zu begreifen, was passiert ist. Es reicht, diesen einen Moment anzuschauen. Den Augenblick, in dem noch niemand Angst hat, aber das Schicksal längst entschieden ist.
Wir reden gern von KI, von Zukunft, von Effizienz. Aber in Wahrheit haben wir etwas Essenzielles verlernt: Präsent zu sein. Unser Gehirn zu benutzen. Unseren Körper ernst zu nehmen. Gefahr zu erkennen, bevor sie trendet.
In einer Welt, die uns immer mehr Denken abnimmt, müssen wir genau das Gegenteil tun. Denken trainieren. Instinkte schärfen. Empathie nicht outsourcen. Mensch bleiben, auch wenn alles um uns schreit, wir sollen Zuschauer sein.
Mögen die Toten in Frieden ruhen.
Mögen die Verletzten genesen.
Und mögen wir endlich begreifen, dass es Bilder gibt, die nicht zeigen, was passiert ist, sondern wann es noch hätte verhindert werden können.
Wenn wir daraus nichts lernen, dann brennt beim nächsten Mal nicht nur ein Club. Dann brennt etwas viel Grundsätzlicheres…

«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








