Freunde, was haben wir gelacht. Nicht dieses freundliche Lachen, sondern das satte, selbstzufriedene Glucksen einer Nation, die sich für den Endgegner der Zivilisation hielt. Wir lachten über Länder, in denen nichts funktioniert. Über Staaten, in denen Baustellen länger existieren als Monarchien. Über Verwaltungen, in denen Aktenordner ein erfüllteres Sozialleben haben als die Menschen, die sie verwalten. Wir lachten über Schulen, die aussahen wie archäologische Ausgrabungen mit WLAN-Attrappe. Über Apotheken, in denen man alles bekam ausser dem, wofür sie da sind. Über Handwerker, die «nächste Woche» sagten und damit eine spirituelle Zeitangabe meinten.
Wir lachten, weil wir überzeugt waren, es besser zu wissen. Wir hielten uns für schlau. Wir hielten uns für modern. Wir hielten uns für effizient. Wir waren Deutschland. Dachten wir…
Und dann kam dieser Moment. Leise. Unauffällig. Kein Knall, kein Alarm. Nur dieses unangenehme Ziehen im Bauch, wenn man plötzlich merkt: Moment mal… das sind ja wir. Nur ohne Sonne. Ohne Leichtigkeit. Ohne Humor. Aber mit Formularen. In dreifacher Ausfertigung, bitte. Willkommen im Land, in dem alles dokumentiert wird, ohne jeglichen gesunden Menschenverstand. Wo jedes Problem zuerst einen Arbeitskreis bekommt. Dann eine Studie. Dann eine Pressekonferenz. Dann eine Expertenrunde. Und am Ende eine neue Steuer. Irgendjemand muss ja schuld sein und der Bürger steht praktischerweise immer griffbereit zur Verfügung.
Baustellen? Selbstverständlich. Aber nicht, um etwas zu bauen. Sondern um Hoffnung abzutragen. Mit Tempo 30, Warnbaken und einer Seele aus Beton. Fertigstellung: Voraussichtlich nach dem Wärmetod des Universums. Oder früher, falls das Budget vorher explodiert. Was ja auch eine Form von Fortschritt ist. Ämter? Oh, sie arbeiten. Innerlich. Man sieht es nur nicht. Sie sind gerade im Homeoffice, im Krankenstand, im Streik, im Workshop «Wie sage ich freundlich Nein, ohne Ja zu meinen». Telefonisch erreichbar: Dienstag von 9:12 bis 9:14 Uhr. Aber nur bei Vollmond und wenn Merkur nicht rückläufig ist. Schriftlich? Gern. Bearbeitungszeit: Zwischen sechs Wochen und drei Legislaturperioden.
Schulen? Bildung ist wichtig. Deshalb sparen wir sie kaputt. Kinder lernen dort fürs Leben. Zugluft. Schimmelresistenz. Psychische Belastbarkeit. Improvisation ohne Heizung. Digitale Bildung gibt es natürlich auch. Mit Overheadprojektor, Kreide und dem festen Glauben, dass die Zukunft irgendwann von allein kommt. Die Technik ist von gestern, aber die Vision ist von vorgestern. Fortschritt mit Patina. Krankenhäuser? Ein Gesamtkunstwerk des Mangels. Personal fehlt. Betten fehlen. Medikamente fehlen. Zeit fehlt. Aber keine Sorge: Das Logo wurde modernisiert. Prioritäten müssen sein. Und irgendwo hängt bestimmt ein Banner mit der Aufschrift «Danke an unsere Helden». Das heilt zwar nichts, sieht aber nett aus.
Apotheken melden Lieferengpässe. Klingt harmlos. Fast sexy. Ein Wort wie aus der Marketingabteilung. Übersetzt heisst es: «Viel Glück. Beten Sie.» Der Patient wird zum Bittsteller, der Apotheker zum Erklärbär und das System zu einem schlechten Witz, den keiner mehr lacht. Handwerker? Eine mythische Lebensform. Selten gesichtet. Hinterlässt Spuren wie: «Ich meld mich.» Tut er nicht. Er ist weitergezogen. In Länder, in denen man ihn bezahlt, schätzt und nicht fragt, ob er das auch billiger machen kann. Am besten gestern. Schwarz natürlich. Mit Rechnung. Aber ohne Mehrwertsteuer, wenn’s geht.
Und über allem schweben sie: Die Politiker. Verwalter des Elends. Hüter des Stillstands. Sie bewachen das Chaos wie einen Schatz. Bloss nichts verändern. Bloss keine Verantwortung. Bloss weiter moderieren, relativieren, delegieren, vertagen. Sie reden von Stabilität, während das Haus brennt. Von Transformation, während die Toilette nicht mehr spült. Von Zukunft, während die Gegenwart auseinanderfällt wie ein schlecht geklebtes Wahlplakat.
Aber keine Sorge. Die Unterhaltung läuft. Und wie. Reality-TV, Empörung, Skandälchen, Nebelkerzen. Links gegen rechts. Alt gegen jung. Geimpft gegen ungeimpft. Mann gegen Frau. Bürger gegen Bürger. Alle beschäftigt. Alle schreien. Niemand schaut nach oben. Niemand fragt, wer eigentlich das Fundament weg gespart hat. Währenddessen geht es bergab. Elegant. Strukturiert. Mit deutscher Gründlichkeit. Kein Chaos, sondern ein sauber organisierter Niedergang. Mit Verordnungen, Leitlinien und Zuständigkeiten. Alles geregelt. Auch das Scheitern.
Und das Beste: Die meisten merken es nicht. Oder wollen es nicht merken. Oder sagen: «Wird schon nicht so schlimm.» Doch. Ist es. Denn irgendwann heisst es nicht mehr «Guten Morgen, Deutschland», sondern «Gute Nacht». Der Alptraum ist nicht im Anmarsch. Er ist schon da. Er hat sich angemeldet, eine Nummer gezogen und sitzt geduldig im Wartezimmer der Geschichte.
Im Fernsehen sagt derweil jemand mit ernster Miene: «Wir haben alles im Griff.»
Natürlich habt ihr das.
Wie immer.
Schlaft gut.
Und vergesst nicht: Morgen wird alles besser.
Hat man uns zumindest gesagt…

(via Rafael Maier)

«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








