Sobald im Mainstream wieder ehrfürchtig vom «Epstein-Skandal» geraunt wird, weiss man: Niemand hat begriffen, was hier eigentlich läuft. «Skandal» klingt nach Fehltritt, nach Ausrutscher, nach Betriebsunfall im Machtapparat. Ein wenig schmutzig, aber bitte nicht strukturell. Dabei ist das Wort so unpassend wie ein Pflaster auf einem offenen Bruch. Was da sichtbar wurde, war kein Ausrutscher. Es war ein Blick in ein System. Und Systeme haben keine Moral, nur Interessen.
Nennen wir es also beim Namen: Keine Affäre, kein Skandal, sondern Gräuel. Und zwar solche, die nicht aufhören, nur weil ein paar Akten veröffentlicht werden und ein paar Namen für kurze Zeit durch die Schlagzeilen rotieren. Während sich die Öffentlichkeit an Details berauscht, läuft das Geschäft weiter. Diskreter, professioneller, besser abgesichert. Vor aller Augen. Und genau das ist der Punkt.
Früher hätte man für solche Strukturen religiöse Begriffe benutzt. Dämonen. Götzen. Baal. Heute nennt man es Netzwerk, Machtzirkel, selbsternannte Elite. Klingt harmloser, ist aber im Kern dasselbe. Ein geschlossenes Glaubenssystem, das sich über Moral erhebt und sich selbst für unantastbar hält. Wer dazugehören darf, verliert irgendwann die Fähigkeit, zwischen richtig und nützlich zu unterscheiden. Wahrheit wird verhandelbar. Schuld wird relativ. Verantwortung ausgelagert.
Das Faszinierende ist ja nicht das Böse selbst. Das gab es immer. Das Faszinierende ist die Reaktion der Gesellschaft darauf. Sobald Dinge zu gross, zu hässlich oder zu systemisch werden, flüchtet man sich in Etiketten. «Verschwörung». «Einzelfälle». «Komplexe Gemengelage». Hauptsache, man muss nicht erkennen, dass hier Menschen mit Macht aktiv entscheiden, andere Menschen zu benutzen, zu brechen, zu opfern. Nicht aus Not. Nicht aus Wahnsinn. Sondern aus Überzeugung.
Und genau hier wird es interessant. Denn diese Leute wirken oft nicht krank im klinischen Sinn. Sie sind funktional, eloquent, erfolgreich. Sie sitzen in Parlamenten, Vorständen, Redaktionen. Sie sprechen von Werten, während sie sie aushöhlen. Man könnte ihnen Schizophrenie unterstellen, moralische zumindest. Aber das wäre zu bequem. Das würde sie entlasten. Nein, sie wissen, was sie tun. Sie fühlen nur nichts mehr dabei.
Früher hätte man gesagt: Sie haben ihre Seele verkauft. Heute sagt man: Sie sind Teil des Systems. Und dieses System hat klare Regeln. Loyalität nach oben, Verachtung nach unten. Rituale gibt es auch, nur heissen sie heute «Networking», «Partys», «exklusive Retreats». Sex, Macht, Erniedrigung, Grenzüberschreitung. Nicht weil es ihnen Freude macht, sondern weil es bindet. Wer einmal zu weit gegangen ist, steigt nicht mehr aus. Schuld ist das beste Kettenglied.
Dass dabei immer wieder dieselben Motive auftauchen, dieselben Abgründe, dieselben Fetische, ist kein Zufall. Es geht nicht um Lust, nicht um Genuss. Es geht um Kontrolle. Um Enthemmung. Um das systematische Ausschalten von Gewissen. Wer gelernt hat, alles zu dürfen, glaubt irgendwann, alles zu sein. Und genau da beginnt der eigentliche Kult.
Politik liefert dafür die perfekte Bühne. Beobachte Politiker, wenn sie lügen. Nicht das «Was» ist interessant, sondern das «Wie». Diese seltsame Leere, dieses automatische Sprechen, diese völlige Abwesenheit von innerem Konflikt. Als würden sie selbst nicht mehr prüfen, ob das Gesagte noch einen Bezug zur Realität hat. Man nennt das Pragmatismus. Oder Staatsräson. Früher nannte man es Götzendienst.
Natürlich wird man jetzt sagen: Das ist überzogen. Das ist symbolisch. Das ist metaphorisch. Ja, natürlich. Niemand muss an buchstäbliche Dämonen glauben, um zu erkennen, dass Machtstrukturen ihre eigenen Götter erschaffen. Ideologien, Narrative, Zahlen, Modelle. Alles, was Verantwortung ersetzt. Alles, was Menschen zu Variablen macht. Das Ergebnis ist dasselbe. Entmenschlichung.
Und nein, das hier ist kein Ruf nach Angst. Im Gegenteil. Angst ist das Schmiermittel dieser Systeme. Angst hält Menschen klein, lenkbar, gehorsam. Die selbsternannte Elite lebt davon, dass die Masse entweder abgelenkt oder gelähmt ist. Skandale konsumieren, empören, weiterscrollen. Bloss nicht verbinden, bloss nicht erkennen, dass es ein Muster gibt.
Was diese Strukturen wirklich fürchten, ist etwas zutiefst Unmodernes: Gewissen. Verantwortung. Innere Haltung. Nenn es Christus-Kraft, nenn es Moral, nenn es Anstand, nenn es Integrität. Es ist egal. Es ist das, was sich nicht kaufen, nicht erpressen, nicht framen lässt. Menschen, die sich nicht verführen lassen, weder von Angst noch von Machtversprechen.
Man muss dafür keine Siegel zerstören und keine Dämonen austreiben. Es reicht, nicht mitzumachen. Nicht wegzusehen. Nicht alles zu glauben, nur weil es von oben kommt. Wahrheit benötigt keine Elite. Sie benötigt Rückgrat.
Und ja, einem kann davon schlecht werden. Das ist normal. Wer klar sieht, reagiert körperlich. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Intaktheit. Das wirklich Kranke wäre, dabei ruhig zu bleiben…



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