Für alle, die die letzten zwanzig, dreissig oder gleich mehrere Jahrhunderte mental im Energiesparmodus verbracht haben: Hier eine kurze Erinnerung. Für alle anderen eine Zumutung. Die Vorstellung, dass die selbsternannte Elite dieses Planeten generationsübergreifend, systematisch und erstaunlich routiniert Verbrechen vertuscht, ist schwer zu ertragen. Also tut man, was man am besten kann: Man erklärt sie für undenkbar.

Beginnen wir mit einem Namen, der zuverlässig Unruhe erzeugt: Marc Dutroux. Ende der 1990er Jahre ermittelte man gegen ihn. Tatortnähe: Brüssel. Hauptstadt Belgiens. Nebenbei auch politisches Nervenzentrum der EU. Zufall, natürlich. Alles ist immer Zufall.

Dutroux entführte, missbrauchte und ermordete Kinder und junge Mädchen. Das ist der Teil, den man offiziell anerkennt. Der Rest blieb, wie so oft, im Nebel. Denn Dutroux war laut eigener Aussage kein Einzeltäter. Er sprach von Netzwerken, von Schutz, von Rückendeckung aus Politik und Gesellschaft. «Ganz von oben», wie er es nannte. Diese Aussage wurde protokolliert. Und dann mental archiviert. Unter: Bitte nicht weiterverfolgen.

Während der Ermittlungen starben 27 Zeugen unter mysteriösen Umständen. Nicht zwei. Nicht fünf. Siebenundzwanzig! Darunter Ermittler, Justizangehörige, Personen mit direktem Bezug zum Verfahren. In jedem anderen Kontext würde man von systematischer Ausschaltung sprechen. Hier nennt man es bedauerliche Häufung.

Der damalige Hauptankläger Hubert Massa ermittelte einen Monat lang gegen Dutroux. Einen. Monat. Dann beging er 1999 angeblich Selbstmord. Der Begriff «angeblich» ist kein Zynismus. Er ist juristische Höflichkeit. Seine Arbeit verschwand. Die Spuren verliefen sich. Das Verfahren wurde amputiert, nicht aufgeklärt.

Und hier beginnt die eigentliche Geschichte. Nicht mit Dutroux, sondern mit dem Reflex danach. Der Reflex, alles zu isolieren, zu verkleinern, zu individualisieren. Ein Monster. Ein Einzelfall. Ein Unfall der Geschichte. Bloss kein Muster erkennen. Muster sind unbequem. Muster stellen Fragen. Muster verlangen Konsequenzen.

Die Vertuschung ist kein Versehen. Sie ist eine Disziplin. Über Jahrzehnte, Jahrhunderte, Systeme hinweg perfektioniert. Man lässt ermitteln, aber nicht zu lange. Man lässt berichten, aber nicht zu tief. Man lässt empören, aber nur kurz. Danach kehrt Ruhe ein. Die Art von Ruhe, die nur entsteht, wenn Wahrheit systematisch erstickt wird.

Und während man über alte Fälle den Mantel des Vergessens legt, verschwinden neue Kinder. Allein zwischen 2021 und 2023 über 50.000 Flüchtlingskinder in der EU. Verschwunden. Nicht gestorben, nicht gefunden, nicht zugeordnet. Einfach weg. In einer der am besten verwalteten Regionen der Welt. Mit Datenbanken, Grenzsystemen, Überwachung und Verwaltung bis zur letzten Büroklammer.

Man fragt sich nicht mehr, ob es Netzwerke gibt. Man fragt sich nur noch, wie viele Generationen man benötigt, um das Wegsehen zur Tugend zu erklären.

Das eigentlich Erschreckende ist nicht, was geschehen ist.
Sondern wie zuverlässig man gelernt hat, es nicht sehen zu wollen…

Epstein-Files: Die lange Kunst des Wegsehens


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