Es ist ein merkwürdiges Schauspiel: Akten werden veröffentlicht, aber so geschwärzt, dass man sich fragt, ob das Justizministerium neuerdings in der Tintenindustrie investiert hat. Die berühmten Epstein-Files sind offiziell «frei zugänglich». Nur leider besteht ein Grossteil dieser Zugänglichkeit aus schwarzen Balken, die mehr verraten als die wenigen verbliebenen Wörter dazwischen. Transparenz im 21. Jahrhundert funktioniert offenbar wie ein Instagram-Filter: Man zeigt genug, um den Eindruck von Offenheit zu erzeugen, aber nicht genug, um wirklich etwas zu verstehen. Und genau dort beginnt das Problem. Nicht bei der blossen Nennung von Namen. Sondern bei der systematischen Intransparenz, die jede Einordnung verunmöglicht.
Wer in den Akten auftaucht, ist damit weder schuldig noch unschuldig. Die Files enthalten Kontaktlisten, Terminabsprachen, Einladungen, Pressespiegel – und ja, auch brisante Verbindungen. Aber durch die selektiven Schwärzungen entsteht ein paradoxes Vakuum: Genug Information für Spekulation. Zu wenig für Klarheit. Ein perfekter Nährboden für Misstrauen. Dieses Muster ist nicht neu. Es erinnert fatal an frühere Episoden staatlicher «Transparenz». Man denke an geschwärzte Dokumente in Pandemiezeiten oder an parlamentarische Anfragen, die mit Textbausteinen beantwortet wurden, die in ihrer Nichtssagendheit fast poetisch waren. Offenlegung als Ritual, nicht als Aufklärung.
Doch es geht hier um mehr als geschwärzte Seiten. Es geht um das strukturelle Geflecht aus Politik, Wirtschaft, Stiftungen, Thinktanks und Finanzeliten. Ein Netzwerk, das sich nicht über Verschwörungstheorien definiert, sondern über soziale Nähe. Einladungen. Panels. Förderprogramme. Aufsichtsräte. Und gelegentlich Friseurtermine an der Fifth Avenue. Eliten funktionieren nicht durch geheime Handschläge in dunklen Kellern. Sie funktionieren durch Anschlussfähigkeit. Wer einmal im Kreis ist, bleibt im Kreis. Man hilft sich, empfiehlt sich, platziert sich. Karriereverläufe, die auf dem Papier wie lineare Erfolgsgeschichten aussehen, wirken aus der Nähe betrachtet oft wie strategisch begleitete Staffelläufe.
Der Wirecard-Komplex war dafür ein Paradebeispiel. Ein Unternehmen, das vom Tech-Star zum DAX-Mitglied aufstieg – und sich dann als Luftschloss entpuppte. Behörden sahen jahrelang zu. Warnungen verpufften. Kritiker wurden attackiert. Und als das Kartenhaus fiel, stand plötzlich niemand mehr daneben, der sich erinnern konnte, wie enthusiastisch man zuvor applaudiert hatte. Wenn man diese Mechanismen neben die Epstein-Akten legt, ergibt sich kein fertiges Bild, aber ein Muster: Nähe zu Macht schützt vor schneller Kritik. Und Transparenz kommt meist erst, wenn Gerichte sie erzwingen.
Hinzu kommt die Rolle von NGOs und Stiftungen. Internationale Finanzierung, transnationale Netzwerke, politische Einflussnahme – alles legal, alles dokumentiert, alles im Rahmen bestehender Strukturen. Doch auch hier gilt: Die Öffentlichkeit erfährt selten proaktiv, wer wen finanziert und mit welcher strategischen Absicht. Fragen entstehen erst, wenn Geldflüsse ungewöhnlich hoch oder politisch sensibel werden.
Das Problem ist nicht, dass Menschen Karriere machen. Das Problem ist die fehlende Durchlässigkeit der Strukturen. Wer Zugang hat, erhält weitere Zugänge. Wer aussen steht, sieht nur die Fassade. Und währenddessen produziert jede neue Schwärzung mehr Misstrauen als jede vollständige Offenlegung es je könnte. Man kann ein Dokument juristisch säubern. Man kann Namen abdecken. Aber man kann nicht verhindern, dass die Öffentlichkeit beginnt, die Systemlogik zu hinterfragen.
Die vielleicht unbequeme Wahrheit lautet: Nicht jeder Name in den Files ist belastend. Aber das System, das solche Files überhaupt erst nötig macht, ist es. Solange Transparenz erkämpft werden muss, statt selbstverständlich zu sein, bleibt der Eindruck, dass etwas geschützt werden soll. Vielleicht nicht einzelne Personen. Vielleicht nur das Geflecht selbst. Und genau das ist das eigentliche Thema. Nicht der Skandal. Sondern die Struktur, die Skandale überlebt. Das Labyrinth ist nicht illegal. Aber es ist erstaunlich resilient…

«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








