In Kanada hat ein Mensch acht andere Menschen erschossen. Darunter seine eigene Familie. Kinder. Eine Lehrerin. Leben, die am Morgen noch banal und selbstverständlich waren und am Abend nur noch statistisches Material. Doch was folgt, ist kein Versuch zu verstehen. Es folgt ein Ritual. Man spricht nicht mehr über den Menschen. Man spricht über die Identität. Über Begriffe. Über korrekte Bezeichnungen. Über Narrative, die so steril sind, dass sie jede Realität neutralisieren wie ein Desinfektionsmittel, das nicht heilt, sondern nur den Geruch überdeckt.
Jesse begann mit zwölf Jahren, sich als etwas anderes zu sehen. Ein Alter, in dem man früher Bäume erkletterte, sich die Knie aufschlug und irgendwann begriff, dass Identität nichts ist, was man verschreibt wie ein Antibiotikum. Heute ist dieses Alter offenbar ausreichend, um irreversible medizinische Entscheidungen zu legitimieren. Entscheidungen, deren langfristige Folgen selbst die Fachwelt nur in vorsichtigen Fussnoten beschreibt, während die öffentliche Kommunikation bereits absolute Gewissheit simuliert.
Was früher ein Ruf nach Hilfe gewesen wäre, wurde zu einem administrativen Prozess. Ein Formular. Eine Zustimmung. Eine Behandlung. Nicht weil man alles wusste. Sondern weil man es wissen wollte. Die Erwachsenen in diesem Raum waren nicht abwesend. Sie waren da. Eltern. Institutionen. Experten. Medien. Jeder mit seiner Rolle, seiner Verantwortung, seiner moralischen Gewissheit. Jeder überzeugt, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Es ist erstaunlich, wie oft Katastrophen aus genau diesem Gefühl entstehen. Denn nichts ist gefährlicher als ein System, das seine eigenen Zweifel abgeschafft hat.
Ein Kind, das offensichtlich mit sich kämpft, wird nicht mehr als jemand gesehen, der Halt braucht. Es wird zu einem Projekt. Zu einem Beweis. Zu einer Bestätigung einer Idee, die grösser ist als das Individuum selbst. Der Mensch verschwindet hinter der Theorie. Das Leiden verschwindet hinter der Sprache. Und die Sprache ist alles.
Die Presse berichtet inzwischen von einer «Frau», die diese Tat begangen habe. Es ist ein sprachlicher Reflex, der so automatisch funktioniert wie ein Rauchmelder, nur dass er nicht vor Feuer warnt, sondern vor Abweichung. Die korrekte Bezeichnung wird wichtiger als die korrekte Analyse. Die semantische Reinheit ersetzt die moralische Verantwortung. Denn Sprache hat eine praktische Funktion: Sie strukturiert, was gedacht werden darf.
Wenn die Begriffe stimmen, muss die Realität nicht mehr überprüft werden. Niemand fragt, ob ein zwölfjähriges Kind wirklich in der Lage ist, Entscheidungen zu treffen, deren Konsequenzen ein ganzes Leben definieren. Niemand fragt, ob eine Gesellschaft, die sich selbst als fortschrittlich versteht, vielleicht blind geworden ist für die Fragilität der Menschen, die sie zu schützen vorgibt. Stattdessen stabilisiert sich das System selbst. Es korrigiert die Worte. Es korrigiert die Perspektive. Es korrigiert alles, ausser sich selbst.
Und irgendwo in diesem Prozess wird ein Mensch, der Hilfe gebraucht hätte, zu einem Symbol. Zu einem Beweis. Zu einem Produkt seiner Zeit. Die grösste Tragödie ist nicht, dass niemand Verantwortung trägt. Die grösste Tragödie ist, dass jeder seine Rolle perfekt erfüllt hat.
Die Eltern vertrauten den Experten.
Die Experten vertrauten den Leitlinien.
Die Medien vertrauten der Sprache.
Und die Gesellschaft vertraute sich selbst.
So entsteht keine Sicherheit. So entsteht Kontinuität. Denn ein System, das seine Fehler nicht erkennt, kann sie unbegrenzt reproduzieren…

«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








