Während halb Europa gebannt nach Davos starrt, als würde dort auf 1600 Metern Höhe das Schicksal der Menschheit persönlich die Ski anschnallen, passiert das eigentlich Interessante wie immer abseits der Bühne. Aber keine Sorge, das ist kein Skandal. Das ist nur… Koordination.
Das World Economic Forum (WEF) liefert auch dieses Jahr zuverlässig das gewohnte Beruhigungsprogramm. Viel Glas, viel Sicherheitszaun, viel Vokabular aus der Kategorie «Wir kümmern uns schon». Resilienz. Kooperation. Vertrauen. Zukunft. Alles sehr rund, alles sehr glatt. So glatt, dass man daran ausrutschen könnte, wenn man nicht gelernt hätte, elegant wegzusehen.
Und während Kameras Podien filmen und Journalisten artig mitschreiben, veröffentlicht die WHO fast beiläufig ein neues Faktenblatt zur Influenza. Kein Alarm. Keine Sirenen. Nur dieser kleine semantische Unterschied, der eigentlich alles verändert: Pandemien werden nicht mehr als Möglichkeit beschrieben, sondern als Gewissheit. Sie kommen. Punkt. Die einzige offene Frage ist noch das Timing. Und das Design.
Das ist keine Warnung. Das ist mentale Vorarbeit.
Keine Panik. Sondern Gewöhnung.
Keine Debatte. Sondern ein gedanklicher Einbahnstrassenverkehr.
Fast zeitgleich meldet eines der sensibelsten Hochsicherheits-Biolabore der USA einen biologischen Zwischenfall. Kein anonymer Hinweis, kein «Verschwörungskanal», sondern eine formale Meldung innerhalb eines institutionalisierten Systems. Also genau dort, wo man angeblich am transparentesten ist. Die Information ist trocken, technisch, emotionsfrei. Sie ist so formuliert, dass man sie problemlos überlesen kann, ohne sich dabei schlecht zu fühlen.
Und genau das passiert auch.
Keine Schlagzeilen.
Keine Talkshows.
Kein empörtes «Wie konnte das passieren?»
Stattdessen wird abstrakt über zukünftige Pandemien gesprochen, während ein realer Vorfall dort, wo mit potenziell hochgefährlichen Erregern gearbeitet wird, unter dem Teppich der Zuständigkeiten verschwindet. Das ist kein Zufall. Das ist Prioritätensetzung.
Reale Risiken werden verwaltet.
Zukünftige Bedrohungen werden erzählt.
Vertrauen wird eingefordert, wo Kontrolle angebracht wäre.
Gewissheit wird behauptet, wo Fragen nötig wären.
Das Problem ist nicht Wissenschaft.
Das Problem ist ihr Marketing.
Wenn Pandemien als Naturereignis dargestellt werden, als meteorologisches Schicksal der Menschheit, dann entfällt jede Diskussion über Ursachen, Verantwortung, Fehlanreize oder strukturelle Risiken. Dann ist niemand zuständig. Dann war es eben «der Virus». So praktisch. So sauber. So entlastend.
Und wenn Biolabor-Zwischenfälle möglichst geräuschlos behandelt werden, während parallel globale Bedrohungsszenarien aufgebaut werden, entsteht ein Missverhältnis, das man höflich «kommunikativ ungünstig» nennen könnte. Oder ehrlicher: gefährlich.
Denn Akzeptanz entsteht nicht am Tag der Massnahme.
Sie entsteht Monate vorher.
Durch Sprache.
Durch Wiederholung.
Durch das langsame Verschieben dessen, was als normal gilt.
Ich beschäftige mich seit Langem genau mit diesen Mechanismen. Nicht mit schrillen Schlagzeilen, sondern mit der Frage, wie Narrative funktionieren. Wie sich Deutungsrahmen setzen, bevor überhaupt etwas passiert. Wie das Denken vorbereitet wird, damit später niemand mehr überrascht ist.
Auch jenseits von Blogs und Videos ist das kein Nischenthema. In der Literatur wird diese Schnittstelle längst analysiert: Biolabore, Sicherheitsarchitekturen, Pandemiekommunikation, geopolitische Interessen, psychologische Vorbereitung. Nicht als «Theorie», sondern als Prozessbeschreibung.
Der WHO-Text und der gemeldete Zwischenfall gehören zusammen. Nicht, weil sie identisch wären, sondern weil sie zwei Seiten desselben Systems zeigen:
Hier die stille Realität.
Dort die laute Vorwegnahme der Zukunft.
Ich schreibe das nicht, um Angst zu schüren. Dafür ist das alles viel zu routiniert.
Ich schreibe es, weil Wegschauen noch nie Schutz war.
Denn während alle auf die grossen Bühnen schauen, werden die entscheidenden Dinge dort vorbereitet, wo niemand klatscht. Leise. Technisch. Unscheinbar. Und genau deshalb so wirkungsvoll.

(via Benjamin)

«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








