Es gibt Karrieren, die schreibt nur die Realität, weil selbst ein Satiriker zu viel Respekt vor der Glaubwürdigkeit hätte, um sie zu erfinden. Nicolas Rimoldi ist so ein Fall. Ein Mann, der sich als Speerspitze des Widerstands inszeniert, während er gleichzeitig den Altparteien einen Dienst erweist, für den sie ihm eigentlich einen Blumenstrauss schicken müssten. Vielleicht mit Schleife. Vielleicht mit einem Dankesschreiben: «Danke, dass du unsere Opposition erledigst, bevor sie gefährlich wird.»

Seit Frühling 2021 haben die Systemmedien ein bemerkenswert effizientes Kunststück vollbracht: Sie haben eine vielschichtige, dezentrale Protestbewegung auf eine einzige Person und seine Organisation reduziert. Mass-Voll wurde zur Marke. Und Rimoldi zum Gesicht. Ein Gesicht, das so oft und so bereitwillig in jede Kamera gehalten wurde, dass man fast meinen könnte, es gäbe eine Warteliste für Interviews.

Denn nichts ist für das bestehende System angenehmer als eine Opposition, die laut ist, aber berechenbar. Emotional, aber nicht strategisch. Sichtbar, aber nicht gefährlich.

Ich erinnere mich an den 1. März 2021 auf der Quaderwiese in Chur. Menschen mit «Free Hugs»-Schildern, ehrliche Gesichter, echte Überzeugung. Menschen, die glaubten, Teil von etwas Authentischem zu sein. Einer Bewegung, nicht einer Marke. Einer Idee, nicht einer Bühne für persönliches Branding.

Heute stellt sich die Frage: Stehen diese Menschen noch hinter dem, was Mass-Voll geworden ist? Oder haben sie erkannt, dass sie Statisten in einem Theaterstück waren, dessen Hauptdarsteller sich selbst zum Helden erklärt hat?

Denn was Rimoldi verkörpert, ist ein faszinierendes politisches Paradoxon: Er wirkt wie Opposition, funktioniert aber wie Stabilisierung. Seine Präsenz ermöglicht es den Altparteien, jede Kritik elegant zu delegitimieren. Kritik muss nur mit seinem Gesicht verknüpft werden und schon verliert sie ihre Bedrohlichkeit. Aus ernsthaften Argumenten wird ein Spektakel. Aus legitimen Fragen wird ein Meme.

Es ist die älteste Strategie der Macht: Gib der Opposition ein Maskottchen. Am besten eines, das sich selbst dafür hält, ein Löwe zu sein.

Wer gegen eine Impfpflicht argumentiert, braucht keine Provokation, keine Eskalation, kein Spiel mit dem Feuer. Das Anliegen steht auf eigenen Füssen. Es braucht keine Show. Keine Inszenierung. Kein Ego, das grösser ist als die Sache selbst. Doch genau das ist der Punkt. Rimoldi ist nicht das Ergebnis der Bewegung. Er ist ihre Transformation in ein Produkt. Ein wandelndes PR-Tool, das aus echter Opposition eine kontrollierbare Karikatur macht.

Und hier wird es wirklich interessant. Denn Rimoldi ist nicht gefährlich, weil er zu stark ist. Er ist nützlich, weil er zu schwach ist. Seine grösste Funktion besteht darin, das gesamte Spektrum des Widerstands auf seine Person zu reduzieren. Sobald das gelingt, ist der Rest unsichtbar. Es ist politische Schadensbegrenzung durch Personalisierung.

Während echte Opposition versucht, Strukturen zu hinterfragen, konzentriert sich Rimoldi auf Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit ist seine Währung. Jede Kritik bestätigt seine Bedeutung. Jede Kontroverse verlängert seine Existenz. Er ist nicht trotz der Medien präsent, sondern ihretwegen. Und so entsteht die perfekte Illusion: Eine Opposition, die laut genug ist, um gesehen zu werden, aber ungefährlich genug, um ignoriert zu werden.

Die Altparteien müssen ihn nicht bekämpfen. Sie müssen ihn nur machen lassen. Denn solange Nicolas Rimoldi das Gesicht des Widerstands bleibt, bleibt der Widerstand selbst ein Gesicht. Und ein Gesicht kann man leicht wegdrehen. Eine Bewegung hingegen nicht.

Vielleicht ist das die grösste Ironie von allen. Der Mann, der vorgibt, das System herauszufordern, ist zu seinem wertvollsten Verbündeten geworden. Nicht weil er es geplant hat. Sondern weil das System genau solche Gegner sucht und braucht…

Die Karriere eines ungefährlichen Revolutionärs: Mass-Voll. Wirkung leer.
Die Karriere eines ungefährlichen Revolutionärs: Mass-Voll. Wirkung leer.

(via Stefan Theiler)


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