Im Mai 2020 veröffentlichte der Spiegel einen Artikel über Corona-«Verschwörungstheorien». Der Ton war klar: Ein paar Telegram-Propheten, ein paar verwirrte YouTube-Prediger und natürlich Bill Gates, der angeblich die Welt impfen wollte. Die Botschaft zwischen den Zeilen war beruhigend wie eine warme Decke: Keine Sorge, Bürger. Das Internet ist voller Spinner. Die Institutionen passen schon auf.
Heute, Jahre später, wirkt dieser Artikel wie ein eingefrorener Screenshot aus einer Zeit, in der man noch glaubte, dass Macht immer transparent und Einfluss immer offiziell sei. Der Spiegel schrieb damals, dass in vielen Videos behauptet wurde, Bill Gates oder seine Stiftung verfolgten «wirtschaftliche oder machtpolitische Ambitionen im Zusammenhang mit Corona-Impfungen» und dass solche Aussagen als typische Verschwörungserzählungen galten.
Damals war das angeblich absurd. Heute ist unbestreitbar, dass private Stiftungen, milliardenschwere Tech-Akteure und politische Institutionen eng mit globalen Gesundheitsprogrammen, Impfkampagnen und digitaler Infrastruktur verflochten sind. Nicht geheim. Nicht illegal. Aber auch nicht neutral. Die entscheidende Erkenntnis ist nicht, dass jemand heimlich mit einer Chip-Spritze auf dich wartet. Die eigentliche Erkenntnis ist viel banaler – und deshalb gefährlicher: Macht funktioniert nicht über geheime Laserstrahlen, sondern über Finanzierung, Netzwerke und Einfluss.
Die Bill & Melinda Gates Foundation ist einer der grössten privaten Geldgeber der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Das ist kein Geheimnis. Es ist öffentlich dokumentiert. Und genau hier beginnt die unbequeme Zone, die im Jahr 2020 reflexartig als «Verschwörung» etikettiert wurde, obwohl sie schlicht strukturelle Realität ist. Geld schafft Einfluss. Einfluss schafft Narrative. Narrative schaffen Realität. Und dann kam Epstein.
Jeffrey Epstein war kein Telegram-Guru. Kein Verschwörungstheoretiker. Kein Internet-Spinner. Er war ein milliardenschwerer Netzwerker, der systematisch Beziehungen zu Politikern, Wissenschaftlern, Medien und Wirtschaft aufbaute. Sein Einfluss war real. Seine Kontakte waren real. Seine Verbindungen zu Elite-Institutionen waren real. Und plötzlich stellte sich heraus, dass «Elite-Netzwerke», «Einfluss durch Geld» und «verdeckte Machtstrukturen» keine Fantasieprodukte aus dunklen Internetforen waren, sondern Teil der dokumentierten Realität moderner Machtarchitektur.
Nicht alles, was behauptet wurde, war wahr. Aber die Grundannahme – dass Macht nicht immer sichtbar ist und Einfluss nicht immer transparent – war nie absurd. Sie war nur unbequem. Der Spiegel schrieb damals auch, dass Plattformen wie YouTube ihre Algorithmen angepasst hätten, um «die Verbreitung von Verschwörungstheorien einzudämmen». Das klingt harmlos. Fast fürsorglich. Aber übersetzt bedeutet es etwas anderes: Informationsflüsse wurden aktiv gesteuert. Nicht unbedingt, um zu lügen. Sondern um zu kontrollieren, welche Version der Realität sichtbar ist.
Und genau hier liegt der Kern des Problems. Nicht jede Verschwörungstheorie ist wahr. Aber auch nicht jede offizielle Darstellung ist vollständig. Institutionen schützen ihre Stabilität. Medien schützen ihre Glaubwürdigkeit. Regierungen schützen ihre Autorität. Und Unternehmen schützen ihre Interessen. Das ist kein Skandal. Das ist ihr Job. Der eigentliche Skandal ist, dass man der Öffentlichkeit jahrelang eingeredet hat, Macht sei neutral, Einfluss sei zufällig und Netzwerke seien irrelevant.
Jeffrey Epstein hat gezeigt, dass Einfluss gekauft werden kann. Die Gates-Stiftung hat gezeigt, dass private Akteure globale Gesundheitsstrategien mitgestalten und lenken können. Und Social-Media-Plattformen haben gezeigt, dass Sichtbarkeit gesteuert werden kann. Keine dunklen Geheimbünde. Keine Science-Fiction. Nur Geld, Zugang und Kontrolle über Narrative.
Der grösste Mythos war nie, dass es Einfluss gibt.
Der grösste Mythos war, dass es ihn nicht gibt…


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