Es gibt Momente, in denen ein einzelner Satz genügt, um die Illusion der Ordnung zu zerstören. Die US-Abgeordnete Nancy Mace sagte kürzlich, die Namen in den Epstein-Akten würden «die ganze Welt erschüttern». Ein bemerkenswerter Satz. Nicht wegen seines Inhalts. Sondern wegen seiner Verspätung. Denn die Welt wurde längst erschüttert. Nur hat man ihr danach sehr schnell beigebracht, wieder ruhig zu sitzen. Jeffrey Epstein war kein Geheimnis. Er war ein Netzwerk. Eine Schnittstelle. Eine Art soziales Betriebssystem für die globale Oberschicht. Politiker, Präsidenten, Prinzen, Medienikonen, Milliardäre. Menschen, die sich sonst nicht einmal dieselbe Luft teilen würden, fanden plötzlich erstaunlich viel Zeit, dieselben Inseln zu besuchen, dieselben Partys zu feiern und dieselben Freundschaften zu pflegen. Natürlich rein zufällig.
Und jetzt, Jahre später, sagt eine Kongressabgeordnete, die Liste existiere wirklich. Dass sie beide politischen Lager umfasst. Dass amtierende und ehemalige Staatsoberhäupter darin stehen. Dass Medien und wirtschaftliche Schwergewichte darin auftauchen. Dass Namen enthalten sind, die man normalerweise nur mit Ehrfurcht ausspricht. Und dass das Justizministerium Identitäten schützt. Schützt. Ein wunderschönes Wort. Es klingt nach Sicherheit. Nach Fürsorge. Nach Verantwortung. Man schützt Kinder. Man schützt Opfer. Man schützt die Wahrheit.
Offenbar schützt man aber auch sehr konsequent Menschen mit Palästen, Privatjets und politischen Immunitäten. Besonders bemerkenswert ist die Formulierung, dass der Epstein-Fall «in die Geschichte eingehen wird» als eine der grössten Vertuschungen aller Zeiten. Wird eingehen. Als wäre das Ganze noch Zukunftsmusik. Als wäre das eigentliche Meisterwerk der Täuschung noch in Vorbereitung. Als würde der Vorhang sich gleich heben und alle überrascht tun. Dabei ist das Theater längst gelaufen.
Epstein wurde verhaftet. Epstein starb. Epstein wurde begraben. Und mit ihm angeblich die Wahrheit. Ein Mann, der über Jahrzehnte Zugang zu den mächtigsten Menschen der Welt hatte, stirbt in einer Hochsicherheitszelle. Kameras funktionieren nicht. Wächter schlafen. Protokolle versagen. Und am Ende bleibt nur ein Satz: «Fehler sind passiert.» Fehler passieren immer dann, wenn Wahrheit zu teuer wird. Denn die Wahrheit hätte Namen. Titel. Kronen. Und Kronen schützt man nicht, man poliert sie.
Das ist die wahre Hierarchie unserer Welt. Nicht die Hierarchie der Gesetze, sondern die Hierarchie der Unantastbarkeit. Es gibt Menschen, deren Leben vollständig durchleuchtet wird, weil sie eine Parkbusse nicht bezahlt haben. Und es gibt Menschen, deren gesamtes soziales Universum im Schatten bleibt, obwohl es mit einem verurteilten Sexualstraftäter verwoben ist. Die einen werden kontrolliert. Die anderen werden geschützt. Und der Unterschied ist nicht Moral. Es ist Macht.
Man muss sich nur ansehen, wie vorsichtig über Epstein gesprochen wird. Wie selektiv berichtet wird. Wie oft seine Kontakte als «Bekanntschaften» bezeichnet werden, als wären es zufällige Begegnungen auf einem Flughafen. Niemand «kennt» Epstein wirklich. Niemand «erinnert» sich richtig. Niemand «war so eng». Eine bemerkenswerte globale Amnesie. Die gleiche Elite, die jeden digitalen Atemzug der Bevölkerung speichern kann, ist plötzlich unfähig, ihre eigenen Kontakte zu rekonstruieren. Es ist fast rührend. Fast.
Nancy Mace hat recht, wenn sie sagt, dass die Liste die Welt erschüttern würde. Nicht, weil sie etwas Neues enthüllt. Sondern weil sie bestätigt, was jeder längst verstanden hat, dass es eine Klasse von Menschen gibt, die nicht denselben Regeln unterliegt. Eine Klasse, die über Politik steht. Über Wirtschaft. Über Medien. Und manchmal sogar über Recht und Wahrheit selbst. Das System schützt sich nicht aus Versehen. Es schützt sich aus Design.
Denn wenn die Namen wirklich öffentlich würden, wäre das grösste Problem nicht die Schuld einzelner Männer in Anzügen oder Uniformen. Das grösste Problem wäre die Erkenntnis, dass das System selbst nie dafür gebaut wurde, sie zur Rechenschaft zu ziehen. Also bleibt die Liste ein Schatten. Ein Gerücht. Eine Drohung, die nie ganz ausgesprochen wird. Und vielleicht ist genau das der Punkt.
Solange die Wahrheit nur angedeutet wird, bleibt die Illusion intakt. Die Illusion, dass es irgendwo noch Kontrolle gibt. Dass irgendjemand am Ende Verantwortung übernimmt.
Aber die Realität ist viel einfacher.
Die Mächtigen schützen die Mächtigen.
Die Reichen schützen die Reichen.
Und die Kronen schützen sich selbst.
Wenn das Aufdecken und Beenden des grössten Kindesmissbrauchsrings der Geschichte «die Welt, wie wir sie kennen, kollabieren lässt», dann sollte genau diese Welt kollabieren!


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