1989, das grosse Lehrstück der westdeutschen Selbstzufriedenheit. Kaum war die Mauer weg, standen sie da, die frisch vereinten Sieger der Geschichte, mit erhobenem Zeigefinger und ehrlicher Verwunderung im Blick: «Wie konntet ihr euch das nur 40 Jahre gefallen lassen?» Eine Frage, so bequem wie ein Sofa aus Kaltschaum. Man sitzt weich, urteilt hart und merkt nicht, wie nah man selbst am selben Polstermaterial klebt.

Heute, ein paar Jahrzehnte später, wissen wir es. Nicht aus Büchern. Nicht aus Museen. Sondern aus dem eigenen Alltag. Denn so, wie es damals in der DDR funktionierte, funktioniert es auch heute wieder – nur effizienter, freundlicher verpackt und mit deutlich besserem Marketing.

Niemand steht auf. Und das ist keine Übertreibung, sondern das eigentliche Systemprinzip. Die Mehrheit schweigt. Nicht, weil sie nichts merkt. Sondern weil sie sehr genau merkt, was passiert, wenn man den Mund aufmacht. Angst ist kein Betriebsunfall. Sie ist das Betriebssystem.

Man muss sich das einmal nüchtern anschauen: In der heutigen Bundesrepublik braucht es keine Stasi mehr, keine Mauer, keine Schiessbefehle. Es reicht ein diffuses Klima aus Drohung, moralischer Überlegenheit und sozialer Ausgrenzung. Wer aus der Linie tanzt, wird nicht verhaftet. Er wird «eingeordnet». Psychologisiert. Delegitimiert. Markiert. Und wer markiert ist, lernt schnell, dass Reden teuer werden kann.

Natürlich nennt man das nicht Repression. Repression ist ein Wort für andere Länder. Für Nordkorea. Für Diktaturen mit schlecht designter Flagge. Hier heisst das «Konsequenzen». Oder «Verantwortung». Oder, besonders beliebt, «Haltung zeigen».

Kaum jemand wagt es heute noch, öffentlich eine Meinung zu äussern, die der offiziellen Doktrin widerspricht. Nicht, weil diese Meinung falsch wäre, sondern weil der Preis dafür unkalkulierbar geworden ist. Arbeitsplatz? Netzwerk? Ruf? Digitale Existenz? Alles verhandelbar, alles widerrufbar, alles abhängig von der richtigen Gesinnung zur richtigen Zeit.

Das beste Anschauungsmaterial dafür lieferte die Corona-Zeit. Eine Epoche, die später einmal als grosser Feldversuch in Sachen Gehorsam durchgehen wird. Künstler, Schauspieler, Musiker, Kabarettisten – Menschen also, die per Berufsdefinition denken, zweifeln und zuspitzen sollten – stellten in Videos harmlose, ja geradezu naive Fragen: Sind diese Massnahmen verhältnismässig? Was passiert mit unseren Grundrechten? Wo endet Vorsorge, wo beginnt Machtmissbrauch?

Die Antwort kam prompt. Nicht in Form einer Debatte, sondern in Form von Stille. Wer fragte, verschwand. Aus Talkshows. Aus Sendeplänen. Aus Förderlisten. Videos wurden gelöscht. Nicht immer, weil sie gelöscht wurden, sondern weil ihre Urheber sie selbst löschten. Aus Angst. Aus Existenzangst. Aus der sehr realen Sorge, dass der nächste Anruf nicht vom Sender, sondern vom Arbeitgeber kommt.

Natürlich wurde das alles als «freiwillig» verkauft. Niemand wurde gezwungen. Genau wie früher niemand gezwungen wurde, die richtigen Parolen zu sagen. Man wusste einfach, was klug war. Und was nicht.

Dass solche Zustände wieder möglich sind, hätte man vor Jahren noch für ausgeschlossen gehalten. Schliesslich leben wir doch in einer Demokratie. In einem Rechtsstaat. In einem Land mit historischer Verantwortung. Und genau deshalb funktioniert es so gut. Weil man sich einredet, es könne gar nicht totalitär sein, wenn es gut gemeint ist.

Totalitarismus heute kommt ohne Uniform. Er trägt Funktionsjacke, spricht von Solidarität und lächelt dabei. Er verbietet nichts offiziell. Er delegitimiert. Er erzeugt soziale Kosten. Er sorgt dafür, dass Menschen sich selbst zensieren, bevor es jemand anderes tun muss. Das ist nicht die Ausnahme. Das ist die Reifeform.

Und während all das geschieht, schaut die Mehrheit zu. Still. Angepasst. Mit dem beruhigenden Gedanken, dass es sie ja nicht trifft. Noch nicht. Genau dieser Gedanke war schon immer der treueste Verbündete jedes autoritären Systems.

1989 fragte man die Ostdeutschen, warum sie nicht früher aufgestanden seien. Heute müsste man sich selbst dieselbe Frage stellen. Die Antwort wäre unangenehm ehrlich: Weil es bequemer ist, zu schweigen. Weil man zu viel zu verlieren hat. Weil man gelernt hat, dass Mut keine Likes bringt und Zivilcourage keine Rentenpunkte.

Zum Jahresende ist es vielleicht an der Zeit, diese Parallelen nicht länger wegzulächeln. Nicht als alarmistische Übertreibung, sondern als nüchterne Bestandsaufnahme. Demokratie stirbt nicht mit einem Knall. Sie wird leise verwaltet, moderiert und in Leitlinien gegossen, bis sie nur noch ein Etikett ist.

Wenn sich im neuen Jahr etwas ändern soll, dann nicht durch Appelle von oben, sondern durch Rückgrat von unten. Mehr Debatte. Mehr Widerspruch. Mehr Menschen, die bereit sind, wieder das zu tun, was man 1989 angeblich so vermisst hat: Aufstehen. Nicht heroisch. Nicht laut. Sondern einfach aufrichtig.

Denn Freiheit verliert man nicht auf einmal. Man gibt sie scheibchenweise ab. Und wundert sich später, wie das nur passieren konnte…

Der sanfte Weg in den autoritären Alltag


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