Unsere Gesellschaft ist bis unter das Dach verlogen. Das ist kein Skandal mehr, das ist ihr Betriebszustand. Und während wir uns langsam wieder in Vorkriegszeiten einrichten, mit moralischem Trommelfeuer und kindgerecht verpackten Feindbildern, stellen viele plötzlich eine verstörende Frage: Was, wenn das hier gar nicht der Untergang ist? Was, wenn genau das, was sich gerade auflöst, die Lösung ist?
Denn seien wir ehrlich: Etwas stimmt nicht mehr. Und zwar nicht erst seit gestern, sondern seit Jahren. Werte kippen im Wochentakt, Sicherheiten zerbröseln wie alter Putz, Beziehungen werden zu Minenfeldern, Meinungen zu Identitätsfragen und Identitäten zu ideologischen Waffen. Alles steht gegeneinander, nichts mehr nebeneinander.
Und mittendrin du.
Mit dieser leisen, aber hartnäckigen Frage im Kopf:
Soll ich mich anpassen oder dagegenhalten?
Willkommen im eigentlichen Konflikt.
Wir versuchen verzweifelt, Stabilität zu erzwingen in einer Zeit, die offensichtlich auf Veränderung programmiert ist. Wir klammern uns an alte Bilder von richtig und falsch, von Zugehörigkeit und Ordnung, während die Realität längst weitergezogen ist und uns nur noch aus der Ferne zuwinkt. So wie ein Zug, den man verpasst hat, weil man am Bahnsteig noch über die Fahrkartenfarbe diskutierte.
Das Dilemma kennen fast alle:
Du willst verlässlich bleiben. Klar. Integer.
Aber die Spielregeln wechseln schneller als die Schlagzeilen.
Was gestern selbstverständlich war, ist heute problematisch.
Was heute gefordert wird, gilt morgen als moralischer Unfall.
Und wer es wagt, nicht sofort Haltung zu zeigen, gerät zwischen alle Fronten. Neutralität gilt als verdächtig. Nachdenken als Schwäche. Zweifel als Gefahr. Willkommen in einer Gesellschaft, die reflexartig reagiert und sich dafür auch noch auf die Schulter klopft.
Der Reflex ist klar: Härter werden.
Oder alles über Bord werfen.
Beides ist Unsinn.
Die Lösung heisst nicht Panzermentalität.
Und sie heisst auch nicht totale Beliebigkeit.
Die Lösung heisst: Bewegliche Stabilität.
Ja, das klingt unbequem. Genau deshalb funktioniert es.
Diese Zeit bringt keine sanften Übergänge. Sie bringt Brüche. Keine kleinen Risse, sondern saubere Sollbruchstellen. Befreiung passiert nicht schleichend. Sie passiert schockartig. Nicht, um alles zu zerstören, sondern um freizulegen, was längst nicht mehr trägt.
Vielleicht erleben wir gerade keinen Werteverfall.
Vielleicht erleben wir eine Bewusstseins-Umbauphase.
Nicht alles, was zerfällt, ist verloren.
Manches musste zerbrechen, weil es nur noch Fassade war.
Dekoration. Moral-Kulisse. Sicherheitstheater.
Das wirklich Gefährliche ist nicht der Wandel.
Das Gefährliche ist der Versuch, ihn zu verhindern.
Der entscheidende Perspektivwechsel lautet daher nicht:
Auf welcher Seite stehst du?
Sondern:
Kannst du stabil bleiben, ohne starr zu werden?
Denn Starrheit bricht. Immer.
Beweglichkeit überlebt.
Wenn dich diese Zeit verunsichert, ist das kein Defekt.
Es ist ein Sensor.
Du nimmst wahr, was andere betäuben.
Du fühlst, was viele wegdrücken, um weiter «funktionieren» zu können.
Und genau darin liegt deine eigentliche Kompetenz für das, was kommt.
Nicht in Parolen.
Nicht in Anpassung.
Nicht im Mitmarschieren.
Sondern im Aushalten von Widersprüchen.
Im Denken ohne Geländer.
Im Stabilsein ohne Dogma.
Diese Gesellschaft zerfällt nicht, weil zu wenig kontrolliert wird.
Sie zerfällt, weil zu lange gelogen wurde.
Und vielleicht, nur vielleicht, ist das kein Unglück.
Sondern überfällig…


«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








