Wer in der Schweiz 2026 noch glaubt, Medien seien in erster Linie dazu da, Realität abzubilden, glaubt vermutlich auch, dass «Sponsored Content» ein Naturgesetz und «Experten» eine geschützte Tierart sind. Willkommen in der Wohlfühl-Propaganda: Sauber gelayoutet, moralisch parfümiert und inhaltlich so elastisch, dass man damit jede Geschichte auf die gewünschte Form ziehen kann.
Der Fall «Joung Gustav» (Influencer, Unternehmer, Millionenpublikum und damit automatisch Staatsfeind auf Probe) ist dafür ein hübsches Lehrstück. Nicht weil man seine Positionen mögen müsste. Sondern weil man live beobachten kann, wie ein medialer Apparat funktioniert, wenn jemand etwas sagt, das nicht in den genehmigten Meinungsrahmen passt: Man diskutiert nicht, man etikettiert. Man prüft nicht, man «ordnet ein». Und man erklärt dem Publikum, was es zu fühlen hat, damit bloss niemand auf die absurde Idee kommt, selbst zu denken.
Propaganda beginnt nicht beim Lügen, sondern beim Weglassen
Propaganda ist selten das platte «Alles ist gelogen». Das wäre zu einfach und zu riskant. Moderne Propaganda ist das elegante Weglassen von Kontext, das selektive Zitieren, das «aus Versehen» falsch gesetzte Komma, die dramatische Headline über einem Text, der dann irgendwie doch weniger dramatisch ist. Das ist keine Verschwörung, das ist Routine. Klicks sind der Treibstoff, Narrative die Streckenführung.
Beim Gustav-Ding sieht man ein Standardmuster: Ein paar Artikel, ein paar «Einordnungen», ein paar moralische Nebelkerzen. Und plötzlich ist nicht mehr die Frage: Stimmt die Kritik? Sondern: Darf man so etwas sagen? Das ist die eigentliche Verschiebung. Inhalte werden nicht widerlegt, sie werden delegitimiert.
Wenn jemand Zahlen nennt (Kosten, Kriminalitätsstatistiken, Faktoren, Relationen), passiert im Idealfall Journalismus: Quellen prüfen, Berechnungen nachrechnen, sauber korrigieren, falls falsch. In der Praxis passiert oft etwas anderes: Man lächelt die Rechnung weg, erklärt «solche Vergleiche seien unfair» und lässt es dabei. Der Trick ist fantastisch: Du tust so, als ob du argumentierst, ohne je selbst ein Argument zu liefern. Du kritisierst eine Berechnung, ohne eine bessere vorzulegen. Und wenn der Betroffene nachliefert, ist es auch wieder nicht genug, weil: Tonfall. Kontext. Gefühl. Irgendein «Experte», der sich wichtig fühlen möchte.
«Experten»: Die Mietwagenflotte der Meinung
Ich habe selten eine Branche gesehen, die so viele «Experten» produziert wie die Medienbranche selbst. Kommunikationsberater, «Conscious»-Hubs, Agenturchefs, Aktivisten mit LinkedIn-Profilen wie Gebetsbücher: Alle erklären dir, was du gerade gesehen hast. Und vor allem, was du eigentlich hättest sehen sollen.
Das Ergebnis ist ein Kreislauf aus Selbstbestätigung: Medien zitieren Experten, Experten werden durch Medien zu Experten, und am Ende wird aus einer moralischen Haltung ein vermeintlicher Fakt. Wenn das Publikum skeptisch wird, liegt es natürlich nicht am miserablen Handwerk, sondern an «Verrohung», «Populismus» oder «Desinformation». Der Journalist ist nie schuld. Schuld ist immer der Leser, weil er so unpraktisch geworden ist.
Der sauberste Trick: Das Framing «Rassist»
Nichts wirkt schneller als das Etikett. «Rassist» ist dabei das Schweizer Taschenmesser der Diskursverhinderung: Aufklappen, reinstechen, Diskussion beenden. Man muss dann nicht mehr darüber reden, ob Zahlen stimmen, ob Integrationspolitik funktioniert, ob Kosten transparent sind oder ob Sicherheitsfragen legitim sind. Man redet nur noch darüber, dass der Betroffene gefälligst zu beweisen habe, kein Monster zu sein.
Und genau hier wird’s medienethisch besonders schäbig: Wenn man Zitate so schneidet oder so schreibt, dass eine dramatische «Redepause» entsteht, die im Original gar nicht da war, ist das nicht «Interpretation». Das ist Manipulation. Nicht unbedingt, weil alle böse sind, sondern weil es funktioniert. 95 Prozent lesen die Headline, vielleicht den ersten Absatz und der Rest wird im Gehirn automatisch zu «wird schon stimmen» komprimiert. Das ist keine Aufklärung, das ist Massenproduktion von Eindruck.
Die grosse Moralwäsche: Unternehmen als Vollzugsbeamte
Parallel dazu läuft die zweite Schiene: Unternehmen, die plötzlich politisch sensibel werden, aber nur in eine Richtung. Ein Detail reicht: «Nicht vereinbar mit unseren Werten». Das klingt wie eine Verfassung, ist aber meist nur ein PR-Regenschirm. Praktisch für alle: Der Händler muss nichts erklären, die Medien müssen nichts prüfen und die Empörungsblase bekommt ihr Futter.
Ob ein Detailhändler Produkte auslistet, ist rechtlich oft sein Ding. Aber gesellschaftlich ist es ein Problem, wenn wirtschaftliche Existenz als Druckmittel dient, um Meinungen zu sanktionieren, die im legalen Rahmen liegen. Dann entsteht kein «freier Markt», sondern ein Markt mit moralischem Zensuraufschlag. Du darfst sagen, was du willst, solange du dabei nichts verlierst. Super Konzept, wirklich.
Was daran wirklich «verlogen» ist
Die Verlogenheit liegt nicht darin, dass Medien eine Meinung haben. Jeder hat eine. Die Verlogenheit liegt darin, dass sie vorgeben, als hätten sie keine. Dass sie Haltung als Objektivität verkaufen. Dass sie bei der Quellenfrage mit zweierlei Mass messen: Politiker dürfen ohne Fussnoten reden, Journalisten dürfen ungeprüft «einordnen», aber ein Influencer soll eine Bachelorarbeit liefern. Und wenn er sie liefert, wird behauptet, er habe sie nie geliefert. Das ist nicht «kritisch». Das ist einfach unehrlich.
Und dann wundert man sich, dass immer mehr Leute den Medien nichts mehr glauben. Nicht weil alle Leser plötzlich radikal geworden sind, sondern weil sie merken, dass sie permanent gesteuert werden sollen. Nicht informiert, sondern erzogen. Wie Kinder. Nur ohne Pausenglocke.
Der Ausweg wäre banal
Der Ausweg wäre lächerlich einfach: Sauber zitieren, transparent rechnen, Fehler eingestehen, Gegenrechnungen liefern, Begriffe sparsam verwenden, keine Gesinnungsjournalismus-Headlines als Munition. Kurz: Journalismus machen.
Aber das wäre Arbeit. Und Arbeit ist bekanntlich unpopulär, vor allem in einer Branche, die sich selbst für die letzte Bastion der Wahrheit hält, während sie gleichzeitig an ihren eigenen Tricks erstickt.
Wenn das die «vierte Gewalt» sein soll, dann ist sie weniger Wächter und mehr PR-Abteilung mit Presseausweis. Und das Tragische ist: Genau so verspielt man Vertrauen. Nicht durch einen Skandal, sondern durch tausend kleine, bequeme Unwahrhaftigkeiten…

«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








