Die moderne Schulmedizin liebt klare Rollenverteilungen. Hier bist du: verunsichert, potenziell krank, latent defekt. Dort ist sie: wissend, rettend, fakturierend. Und dazwischen liegt ein Narrativ, das seit Jahrzehnten zuverlässig funktioniert: Angst. Viel Angst. Am besten dauerhaft. Denn ein entspannter Mensch stellt Fragen. Ein ängstlicher unterschreibt.

Gesundheit wird heute dargestellt wie ein Abo-Modell. Sie kommt von aussen. In Tablettenform. In Spritzen. In Beipackzetteln mit Kleingedrucktem, das länger ist als dein letzter Urlaub. Dein Körper selbst? Bestenfalls eine fehleranfällige Hülle, schlimmstenfalls ein Saboteur, den man chemisch in den Griff bekommen muss. Vertrauen in die eigene Biologie gilt als naiv. Vertrauen in die Industrie als Vernunft.

Die erste grosse Erzählung lautet: Krankheit kommt von aussen. Unsichtbare Feinde lauern überall. Keime, Viren, Bedrohungen mit lateinischen Namen und dramatischen Animationen. Ein ewiger Krieg wird ausgerufen, mit deinem Körper als Schlachtfeld. Dass es auch andere Sichtweisen gibt, etwa die alte Idee, dass das innere Milieu entscheidend ist, gilt als romantischer Aberglaube. Balance? Kontext? Lebensführung? Wie niedlich. Dafür gibt es keine Lobby.

Stattdessen wird Krieg geführt. Gegen Mikroorganismen, gegen Symptome, gegen alles, was nicht normiert ist. Dass selbst der berühmte Herr Pasteur am Ende seines Lebens Zweifel an der eigenen Keimfixierung gehabt haben soll, passt nicht so gut ins Geschäftsmodell. Zweifel sind schlecht skalierbar. Angst hingegen verkauft sich hervorragend.

Die zweite grosse Erzählung heisst Evidenz. Ein Wort, das so oft benutzt wird, bis es jeden Zauber verliert. Evidenz klingt objektiv, neutral, unanfechtbar. In der Praxis bedeutet es häufig: Studien, die jemand bezahlt hat, um etwas Bestimmtes zu beweisen. Unerwünschte Ergebnisse verschwinden. Nebenwirkungen werden relativiert. Zahlen werden wichtiger als Menschen. Blutwerte ersetzen Gespräche. Symptome werden «eingestellt», nicht verstanden.

Bluthochdruck? Senken. Schlaflosigkeit? Dämpfen. Angst? Sedieren. Fragen nach Sinn, Überforderung, innerem Druck oder chronischem Stress gelten als unpraktisch. Dafür gibt es keine schnelle Lösung und keinen Patentschutz. Heilung wird zur Verwaltung von Messwerten. Lebendigkeit stört dabei nur.

Die dritte Erzählung betrifft Emotionen. Gefühle gelten als Störung im System. Trauer wird zur Diagnose. Unruhe zum Defizit. Lebendigkeit zur Abweichung. Statt Emotionen als Signale zu begreifen, die auf Veränderung drängen, werden sie chemisch beruhigt. Ein Mensch, der fühlt, ist unbequem. Ein Mensch, der seine Gefühle versteht, ist kaum kontrollierbar. Also lieber ein Rezept.

Dabei besitzt der Körper eine Intelligenz, die man nur ignorieren kann, wenn man sie nie studiert hat. Milliarden Zellen kommunizieren, regulieren, passen sich an. Das Nervensystem reagiert auf Sicherheit, Vertrauen, Beziehung. Heilung passiert nicht im Krieg, sondern in Resonanz. Nicht durch Kontrolle, sondern durch Ordnung. Aber Symphonien lassen sich schlechter verkaufen als Armeen.

Die Schulmedizin spricht vom Immunsystem wie von einer militärischen Einheit. Dabei geht es oft um Balance, nicht um Vernichtung. Um Regulation, nicht um Angriff. Doch Angst benötigt klare Feindbilder. Und Feindbilder brauchen einfache Geschichten.

Was heilt wirklich? Sicher nicht die ständige Botschaft, dass du ohne externe Rettung verloren bist. Heilung beginnt dort, wo Menschen wieder Verantwortung übernehmen. Wo sie ihren Körper nicht als Gegner betrachten, sondern als Kommunikationspartner. Wo Atmung, Rhythmus, Natur, Beziehung und innere Klarheit eine Rolle spielen dürfen. Dinge, die sich schlecht patentieren lassen.

Die Medizin der Zukunft wird leiser sein. Sie wird weniger versprechen und mehr zuhören. Sie wird begleiten statt dominieren. Sie wird nicht jede Abweichung pathologisieren und nicht jede Unsicherheit monetarisieren. Sie wird verstehen, dass Krankheit oft kein Defekt ist, sondern ein Signal. Ein Versuch des Körpers, wieder ins Gleichgewicht zu kommen.

Die grösste Lüge der Schulmedizin ist nicht ein einzelnes Medikament oder eine einzelne Studie. Es ist die Behauptung, dass Heilung von aussen kommt und du dabei passiv zu bleiben hast. Du bist kein Fall. Kein Code. Kein Rezeptblock. Du bist ein komplexes, fühlendes System mit erstaunlicher Anpassungsfähigkeit.

Deine eigentliche Revolution beginnt nicht im Wartezimmer, sondern im Mikrokosmos. Dort, wo Angst endet und Verantwortung beginnt. Dort, wo du aufhörst, alles blind zu glauben, was mit weissem Kittel und ernster Stimme vorgetragen wird. Und dort, wo du dich erinnerst, dass Gesundheit nicht gemacht, sondern gelebt wird.

Das Geschäft mit der Angst - oder warum du ohne Diagnose nicht existierst


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