Man muss es der europäischen Elite lassen: Sie hat ein Talent für Ironie. Nehmen wir Christine Lagarde, Präsidentin der Europäische Zentralbank. Hüterin der Preisstabilität. Wächterin des Euro. Symbol für Seriosität in Zeiten galoppierender Geldpolitik. Und doch umweht sie ein Hauch von Operettenpolitik.
Lagarde wurde 2016 in Frankreich wegen fahrlässiger Veruntreuung öffentlicher Gelder schuldig gesprochen – ohne Strafe, versteht sich. Eine verurteilte, aber ungestrafte Finanzlenkerin. Das muss man auch erst einmal schaffen. Moralische Integrität mit juristischem Sternchen.
Nun kursieren Gerüchte, sie könne ihr Amt vorzeitig verlassen. Rein zufällig würde das dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron ermöglichen, die Nachfolge noch während seiner Amtszeit zu regeln. Timing ist in der Politik bekanntlich alles. Und Zufälle sind besonders elegant, wenn sie strategisch wirken.
Besonders poetisch wird es bei einem Blick in die Vergangenheit. Bei einer Hausdurchsuchung im Zusammenhang mit der 400-Millionen-Euro-Affäre tauchten Briefe Lagardes an Nicolas Sarkozy auf. Darin Sätze wie: «Ich bin an deiner Seite, um dir zu dienen… Benutze mich für die Zeit, die dir passt… Mit meiner immensen Bewunderung, Christine L.»
Es ist selten, dass Macht so devot formuliert wird. Man erwartet so etwas eher aus einem historischen Roman über Hofintrigen. Doch hier sprechen wir von der obersten Währungshüterin Europas.
Aber keine Sorge. Finanziell ist sie bestens versorgt. Offiziell verdient sie rund 466’000 Euro jährlich bei der EZB. Inoffiziell schätzt die Financial Times ihr Gesamteinkommen auf etwa 726’000 Euro. Dazu kommen rund 130’000 Schweizer Franken pro Jahr als Verwaltungsratsmitglied bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich.
Interessantes Detail: Andere Zentralbankchefs im gleichen Gremium erhalten keine zusätzliche Vergütung. Und Mitarbeiter der EZB dürfen aus guten Gründen keine Zahlungen von Drittinstitutionen annehmen. Die EZB klärte auf Nachfrage auf: «Die Präsidentin ist kein Mitarbeiter.» Ein semantisches Meisterwerk. Regeln gelten. Nur eben nicht für alle.
Und dann die Währung. Die Frau, die für die Stabilität des Euro verantwortlich ist, lässt sich in Schweizer Franken bezahlen. Natürlich ist das rechtlich zulässig. Natürlich ist das administrativ erklärbar. Aber es hat eine gewisse Symbolik.
Vertrauen ist die Währung der Zentralbanken. Und Vertrauen entsteht nicht nur durch Zinssätze, sondern durch Vorbildwirkung. Wenn die Architektin der Euro-Stabilität ihre Vergütung lieber in einer anderen Währung entgegennimmt, könnte man auf die Idee kommen, dass Diversifikation auch auf höchster Ebene ein Thema ist.
Am Ende bleibt ein Bild: Eine Präsidentin, die juristisch vorbelastet ist, politisch bestens vernetzt, finanziell komfortabel abgesichert und institutionell so positioniert, dass sie nicht unter die üblichen Regeln fällt…


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