Es gibt Momente, in denen die Filmindustrie über sich hinauswächst. Nicht, indem sie Wahrheit enthüllt. Sondern indem sie Wahrheit ersetzt. Verpackt in ruhige Bilder, nachdenkliche Musik und den beruhigenden Tonfall moralischer Überlegenheit. Das neueste Beispiel dieser edlen Disziplin trägt den harmlosen Titel «Blame», ein Werk des Schweizer Regisseurs Christian Frei. Ein Film, der vorgibt, Fragen zu stellen, aber erstaunlich präzise weiss, welche Fragen er besser nicht stellt.

Im Zentrum steht Peter Daszak. Ein Mann, der sich sein Leben der sogenannten Gain-of-Function-Forschung gewidmet hat. Ein Begriff, der so unschuldig klingt, als würde man einem Virus einfach ein Fitnessstudio-Abonnement schenken. In Wirklichkeit geht es um die gezielte Veränderung von Krankheitserregern, um sie übertragbarer, anpassungsfähiger oder schlicht effektiver zu machen. Offiziell nennt man das Forschung.

In jedem anderen Kontext würde man es Entwicklung nennen. Entwicklung von biologischen Systemen mit «verbesserten» Eigenschaften. Eine Form von Optimierung. Eine Art Upgrade für Mikroorganismen, die ursprünglich nie die Absicht hatten, sich effizient durch menschliche Populationen zu bewegen. Man könnte auch sagen: Biotechnologische Aufrüstung.

Doch der Film «Blame» entscheidet sich für eine andere Perspektive. Eine sanftere. Eine verständnisvollere. Eine, die Daszak nicht als jemanden zeigt, dessen Arbeit Fragen aufwirft, sondern als jemanden, der selbst Opfer von Fragen geworden ist. Es ist eine bemerkenswerte Umkehrung.

Kritische Stimmen, wie jene des Biowaffen-Patentexperten David E. Martin, bleiben weitgehend unsichtbar. Stattdessen beobachtet der Zuschauer, wie sich Wissenschaftler in ruhigen Landschaften bewegen, reflektieren, erklären und ihre eigene Version der Realität präsentieren. Keine aggressive Konfrontation. Keine unbequemen Nachfragen. Keine Störung der narrativen Harmonie.

Der Film funktioniert weniger als eine Untersuchung und mehr wie eine Rehabilitationsmassnahme.

Natürlich wird das Werk von den üblichen kulturellen Instanzen gefeiert. Die WOZ spricht davon, dass selten ein Film den Nerv der Zeit so getroffen habe. Die Republik erklärt, er komme genau zur richtigen Zeit. Und tatsächlich. Der richtige Zeitpunkt ist entscheidend, wenn es darum geht, die Erinnerung zu formen, bevor sie sich verfestigt. Denn Erinnerung ist formbar. Besonders, wenn sie visuell erzählt wird.

Gain-of-Function-Forschung wird in diesem Kontext nicht als das dargestellt, was sie objektiv ist: Die gezielte Modifikation biologischer Systeme mit potenziell weitreichenden Konsequenzen. Stattdessen erscheint sie als missverstandene Wissenschaft, Opfer öffentlicher Verwirrung und politischer Instrumentalisierung. Es ist die klassische Strategie der Umkehrung.

Nicht die Handlung steht im Fokus, sondern die Kritik daran. Nicht die Forschung wird problematisiert, sondern die Menschen, die sie hinterfragen. Zweifel wird zum Angriff umgedeutet. Skepsis zur Bedrohung. Und die Filmkamera wird zum Werkzeug dieser Transformation.

Das Kino war schon immer ein mächtiges Instrument. Es kann Helden erschaffen, wo vorher nur Menschen waren. Es kann Zweifel auslöschen und Gewissheit implantieren. Es kann Komplexität reduzieren und Narrative stabilisieren. In «Blame» wird diese Fähigkeit mit chirurgischer Präzision eingesetzt.

Der Zuschauer verlässt den Film nicht mit neuen Fragen, sondern mit einem Gefühl der emotionalen Klarheit. Ein Gefühl, dass hier jemand missverstanden wurde. Dass hier Unrecht geschehen ist. Nicht im Labor. Sondern in der öffentlichen Wahrnehmung. Das ist die wahre Leistung des Films.

Er verwandelt Forschung in Schicksal. Verantwortung in Missverständnis. Und potenziell gefährliche Technologien in moralische Tragödien ihrer Entwickler.

Am Ende bleibt die wichtigste Erkenntnis unausgesprochen.
Nicht, was im Labor vorgefallen ist.
Sondern wie effektiv die Geschichte darüber kontrolliert wird…

"Blame" oder die Kunst, Biowaffen als Wissenschaft zu verkaufen


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