Es beginnt meist harmlos. Ein leises Knacken im Kopf. Ein Moment, in dem man merkt: Moment mal… warum eigentlich der? Warum hat diese Stimme mehr Gewicht als meine eigene Erfahrung?
Und zack. Willkommen im Ausnahmezustand namens Erwachen.
Sobald dein Glaube an Hierarchien einen Riss bekommt, ist das Spiel vorbei. Nicht dramatisch. Nicht revolutionär mit Fackeln. Sondern unspektakulär. Still. Endgültig.
Denn Autorität lebt nicht von Wahrheit, sondern von Zustimmung. Und die ist plötzlich weg.
Das wird gern als Auflehnung missverstanden. Als Trotz. Als «schwierige Persönlichkeit». Dabei ist es nichts davon. Es ist schlicht das Ende einer Illusion.
Du erkennst, dass Titel keine Weisheit erzeugen. Uniformen keine Einsicht. Mikrofone keine Wahrheit.
Und dass Erfahrung, diese unhöfliche, ungefilterte Lehrmeisterin, sich nicht beeindrucken lässt von Rangabzeichen.
Hier treffen sich Anarchismus und Zen wie zwei alte Bekannte, die sich nie besonders mochten, aber plötzlich feststellen: Ach so. Du auch?
Der Anarchismus zerlegt die äussere Kulisse der Macht.
Zen zerlegt das innere Bedürfnis, sich führen zu lassen.
Beide kommen zum gleichen Ergebnis:
Wenn der Geist aufhört zu knien, verliert die Welt ihre Herren.
Das ist für Systeme ein Problem.
Denn Systeme funktionieren nur, solange Menschen glauben, dass irgendjemand «oben» mehr weiss als sie selbst. Dass Verantwortung delegierbar ist. Dass Gehorsam Sicherheit bringt.
Sobald dieser Glaube verdampft, bleibt nur noch nackte Organisation ohne metaphysische Legitimation.
Und das ist ungefähr so sexy wie ein Formular ohne Stempel.
Natürlich bleibt die äussere Welt erst einmal gleich.
Titel werden weiterhin verteilt wie Bonbons.
Meetings werden abgehalten, um Entscheidungen zu simulieren, die längst gefallen sind.
Menschen mit Visitenkarten erklären Menschen ohne Visitenkarten, wie Realität funktioniert.
Aber innerlich ist etwas gekippt.
Du siehst das Schauspiel. Und kannst es nicht mehr nicht sehen.
Kein Oben.
Kein Unten.
Kein «Ich weiss es besser, weil… irgendwas mit Position».
Nur gleichberechtigte Wesen, die alle ungefähr gleich ratlos durchs Leben stolpern, aber unterschiedlich gut darin sind, es zu verbergen.
Das ist der Punkt, an dem Autorität ihre letzte Waffe zieht: Moral.
Man appelliert.
Man beschämt.
Man erklärt dich für verantwortungslos, gefährlich oder «nicht konstruktiv».
Alles nur Varianten von: Bitte glaub wieder an die Leiter.
Doch wer einmal erkannt hat, dass die Leiter an eine gemalte Wand gelehnt ist, steigt nicht mehr hoch.
Er geht zur Seite.
Zen nennt das Klarheit.
Anarchismus nennt es Freiheit.
Der Alltag nennt es unbequem.
Denn Klarheit macht einsam. Nicht emotional, sondern strukturell.
Du kannst nicht mehr ernsthaft so tun, als wüsste jemand «da oben» schon, was er tut.
Du siehst nur noch Menschen mit mehr Macht, aber nicht mehr Wahrheit.
Und genau hier liegt der eigentliche Skandal:
Nicht, dass niemand befiehlt.
Sondern dass niemand mehr gehorcht, innerlich.
Die äussere Ordnung mag bleiben.
Doch sie ist hohl geworden.
Und eine Welt ohne innere Unterwerfung ist zwar chaotisch, aber wenigstens ehrlich.
Willkommen auf Augenhöhe!


«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








