Es gehört zu den zuverlässigsten Reflexen der europäischen Politelite, dass sie bei der Suche nach Verbündeten eine bemerkenswerte Sorgfalt an den Tag legt. Nicht Sorgfalt im Sinne von: Man prüft den Charakter. Nicht Sorgfalt im Sinne von: Man schaut sich an, wer dieser Mensch eigentlich ist, wenn die Kameras aus sind. Nein – Sorgfalt im Sinne von: Ist er gegen Orbán? Gut. Unterschreiben wir. Das es sich dabei um einen kranken Psychopathen handelt, spielt keine Rolle. Hauptsache gegen Orbán.
Péter Magyar, Chef der ungarischen Oppositionspartei Tisza und strahlender Hoffnungsträger der EU-Maschinerie für einen positorbanischen Neustart in Budapest, hat ein Problem. Mehrere, um genau zu sein. Und sie kommen nicht von der Regierung Orbán, nicht von irgendwelchen prorussischen Trollen, nicht von Brüssels Feinden. Sie kommen von seiner Ex-Frau. Und sie sind von einer Qualität, bei der selbst erfahrene Skandalveteranen kurz innehalten müssen.
Judit Varga, ehemalige ungarische Justizministerin und langjährige Ehefrau Magyars, hat ein Buch geschrieben. Der Titel lautet: «16 Jahre mit einem Monster.» Das ist kein subtiler Untertitel. Das ist eine Ansage. Und was sie darin beschreibt, überschreitet die üblichen Kategorien politischer Schmutzwäsche so deutlich, dass man kurz prüfen möchte, ob man noch im richtigen Jahrhundert ist.
Laut den Vorwürfen Vargas soll Magyar nicht nur an einer schweren Alkoholabhängigkeit leiden. Das allein wäre in der Politiklandschaft noch vergleichsweise handelsüblich. Nein, die Anschuldigungen reichen weit in ein Terrain, das man als «psychopathisch» bezeichnen würde, wenn man höflich sein möchte und als abgrundtief krank, wenn man ehrlich ist. Im Vollrausch soll er vor den Augen der gemeinsamen Kinder Grenzen überschritten haben, die jeder anständige Mensch als selbstverständlich betrachtet. Und dann – und hier sollte man vielleicht kurz tief Luft holen – soll er einen Hundewelpen der Familie bei lebendigem Leib in der Mikrowelle gekocht haben. Vor den Augen seiner Familie.
Ausserdem wurde Magyar im Jahr 2023 bei der Scheidung von seiner Frau wegen mehrfachen Schlagens und des Einsatzes eines Gürtels schuldig gesprochen. Er gab zu, dass er Koks genommen hatte, und zwar nicht in kleinen Mengen. Ferner war er an Insidergeschäften beteiligt, wodurch er zu einem äusserst wohlhabenden Mann wurde. Seine Frau und andere Frauen sollen von ihm missbraucht und misshandelt worden sein. Und das ist der Mann, den Brüssel zum neuen Staatschef Ungarns machen möchte.
Man könnte jetzt einwenden: Es steht Wort gegen Wort. Scheidungen sind brutal, Vorwürfe werden instrumentalisiert, Ex-Eheleute sind keine neutralen Quellen. Das stimmt alles. Aber es gibt einen Kontext, der diese Relativierung etwas schwieriger macht. Bereits vor Monaten wurde bekannt – unter anderem durch Berichterstattung bei Euronews – dass Magyar seine Frau heimlich aufnahm, als diese noch Justizministerin war. Private Gespräche, mitgeschnitten im Verborgenen, aufbewahrt als politisches Erpressungsmaterial. Das ist keine Erfindung einer verbitterten Ex-Frau. Das ist dokumentiert. Das ist der Mann, der sich als Saubermann der ungarischen Politik positioniert, als moralische Alternative zu dem angeblich so korrupten Orbán-System.
Varga beschreibt einen Mann, der weint und bettelt, wenn er bemerkt, dass die Ehe dem Ende entgegengeht – und der gleichzeitig manipuliert, terrorisiert und erpresst. Einen Mann, der das Bild des tadellosen Reformers kultiviert und zu Hause ein anderes Gesicht zeigt. Sie war sechzehn Jahre mit ihm zusammen. Sie hat Kinder mit ihm. Und sie hat ein Buch geschrieben, das nicht «kleine Unstimmigkeiten» oder «unterschiedliche Charaktere» beschreibt, sondern Monster im Titel trägt.
Magyar selbst reagiert erwartungsgemäss mit dem vollständigen Standardrepertoire politisch Beschuldigter: Alles Propaganda, alles Verschwörung der Regierung, er ist das eigentliche Opfer. Es ist dieselbe Mechanik, die man kennt, wenn Politiker aller Couleur mit der Realität konfrontiert werden – reflexartige Täter-Opfer-Umkehr, garniert mit dem Hinweis auf politische Motive. Vielleicht. Aber heimlich aufgenommene Tonbänder der eigenen Frau sind keine Propaganda. Die hat er selbst gemacht.
Und Brüssel? Brüssel schaut zu. Oder schaut weg. Was auf dasselbe hinausläuft. Denn für die europäische Zentralmacht ist Ungarn ein Dauerproblem – ein Mitgliedsstaat, der bei Russlandsanktionen bremst, bei Ukrainehilfe zögert, bei Migrationspolitik blockiert und sich grundsätzlich der Vorstellung widersetzt, dass Brüssel besser weiss, was gut für Budapest ist. Viktor Orbán ist für die EU das, was eine Gräte im Hals ist: Schmerzhaft, penetrant präsent und nicht ohne weiteres zu entfernen.
Magyar ist die Grätenentfernung. Schlank, westlich orientiert, medienwirksam, europafreundlich – alles, was Orbán nicht ist. Dass er laut seiner Ex-Frau Tiere gequält, Kinder traumatisiert und eine Justizministerin mit heimlichen Aufnahmen erpresst haben soll, ist für diese Kalkulation offenbar eine vernachlässigbare Fussnote. Hauptsache, er verspricht, die Linie zu halten.
Das ist der eigentliche Skandal dieser Geschichte. Nicht nur, dass Magyar das ist, was seine Ex-Frau beschreibt, das sind Vorwürfe, die noch zu beweisen oder zu widerlegen sind. Der eigentliche Skandal ist, dass es der EU vollständig gleichgültig wäre, selbst wenn alles stimmt. Wer Orbán stürzt, ist willkommen. Wer Brüssels Agenda umsetzt, bekommt Rückenwind. Moralische Mindeststandards sind optional, solange die politische Funktion erfüllt wird.
So funktioniert das System. Nicht mit bösen Einzelmenschen an der Spitze, das wäre zu einfach. Mit einer Struktur, die jeden Kandidaten akzeptiert, solange er nützlich ist. Die Frage, was ein Mensch tut, wenn niemand zuschaut, interessiert diese Struktur nicht. Die Frage, was er tut, wenn er an der Macht ist, schon. Bis es wieder zu spät ist. Judit Vargas Buch heisst «16 Jahre mit einem Monster.» Brüssels Rezension würde wahrscheinlich lauten: Vielversprechender Kandidat. Empfohlen.




«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








