Man muss es der SRG lassen: Kaum jemand verkauft seine eigene Existenz so konsequent als zivilisatorische Notwendigkeit wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen der Schweiz. Ohne «Tagesschau», so der Subtext, bricht die Eidgenossenschaft binnen Stunden in sich zusammen. Ohne «Arena» versinkt das Land im argumentativen Bürgerkrieg. Und ohne SRF? Nun, vermutlich kollabiert gleich die westliche Hemisphäre. Das ist keine Selbstüberschätzung mehr. Das ist Endzeitmarketing.
Die Dramaturgie ist immer dieselbe: Wenn das Budget infrage steht, wird der Untergang ausgerufen. Die SRG inszeniert sich als moralischer Leuchtturm in einem Meer aus Desinformation. Wer kürzen will, sägt angeblich an der demokratischen Grundordnung. Wer Reformen fordert, gefährdet den Zusammenhalt der Nation. Als wäre die Schweiz ein empfindliches Porzellanservice, das nur durch «10vor10» vor dem Zerfall bewahrt wird.
Dabei ist die Realität weniger apokalyptisch und deutlich banaler: SRF ist ein Staatsapparat mit Kameras. Ein gut gepolsterter, gebührenfinanzierter Betrieb, der sich seit Jahrzehnten als pädagogische Oberinstanz versteht. Man erklärt dem Volk die Welt – sorgfältig kuratiert, dezent vorgefiltert, im richtigen moralischen Tonfall. Die Matrix nennt das Narrativkontrolle.
Natürlich gibt es gute Beiträge. Natürlich gibt es engagierte Journalisten. Aber das Problem liegt nicht im einzelnen Beitrag, sondern im Selbstbild. SRF spricht nicht wie ein Teilnehmer am Diskurs, sondern wie dessen Schiedsrichter. Und wehe, jemand pfeift zurück. Dann tritt der Chor der besorgten Leitartikler auf. Die üblichen Stimmen des Mainstreams, die plötzlich ganz patriotisch werden, wenn es um ihre Plattform geht.
Sie warnen vor dem Informationsvakuum, vor der Verrohung, vor TikTok als neuem Nationalrat. Man möchte fast glauben, die Demokratie sei ein empfindlicher Algorithmus, der nur mit genügend Gebühren stabil läuft. Was sie nicht sagen: Es geht auch um Pöstchen. Um Sendeplätze. Um die warme Gewissheit, Teil einer moralisch überlegenen Institution zu sein. «Service Public» klingt edel. «Selbsterhaltungsinstinkt» klingt ehrlicher.
Besonders rührend ist die Argumentation, SRF halte die Schweiz zusammen. Als wären die vier Sprachregionen nur durch die gemeinsame «Tagesschau»-Melodie verbunden. Als hätte die Eidgenossenschaft nicht Jahrhunderte überstanden, lange bevor jemand in Leutschenbach ein Studio beleuchtete. Und dann die fast religiöse Verehrung des Öffentlich-Rechtlichen: Wer Kritik übt, gilt schnell als kulturfeindlich, demokratiefern oder schlicht ahnungslos. Kritik an Strukturen wird zur Attacke auf Werte umgedeutet. Ein klassischer Matrix-Move: Verwechsle Institution mit Prinzip, und jede Reform wirkt wie ein Sakrileg.
Dabei wäre eine nüchterne Debatte über Umfang, Auftrag und Finanzierung alles andere als staatsgefährdend. Die Schweiz ist kein fragiles Kartenhaus. Sie ist ein föderales Gebilde mit robustem Bürgerbewusstsein. Sie wird eine schlankere SRG überleben. Sie würde vermutlich sogar mehrere Meinungen gleichzeitig verkraften. Das eigentliche Paradox: Während SRF sich als Hüter der Demokratie inszeniert, wirkt jede strukturelle Kritik wie Blasphemie. Ein System, das sich selbst zur unverzichtbaren moralischen Instanz erklärt, hat längst aufgehört, sich selbst kritisch zu betrachten.
Vielleicht ist genau das das Problem. Nicht, dass es ein öffentlich-rechtliches Fernsehen gibt. Sondern dass es sich für den Sauerstoff der Republik hält.
Die Schweiz hat Bankenkrisen, Währungsstürme und politische Grabenkämpfe überstanden. Sie wird auch eine SRF-Diät überleben. Und die Welt? Die wird sich weiterhin drehen, mit oder ohne «Arena»-Sondersendung…


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