Es war ein historischer Moment. Zumindest, wenn man den Pressemitteilungen glaubt. Die SRG und die privaten Verlage haben sich geeinigt. Ein Kompromiss. Ein Meilenstein. Ein angeblicher Akt der Selbstbeschränkung im Namen des Medienpluralismus. Die Schlagzeilen klangen wie eine Mischung aus moralischer Reife und institutioneller Selbstlosigkeit. Die Realität hingegen klingt eher nach einem Kartell, das beschlossen hat, sich öffentlich die Hand zu schütteln, während es hinter den Kulissen seine Einflusszonen neu aufteilt.
Die SRG wird ihre Online-Artikel auf 2400 Zeichen begrenzen. 2400 Zeichen. Eine Länge, die ungefähr ausreicht, um eine komplexe Realität so weit zu vereinfachen, dass sie bequem konsumierbar bleibt. Tiefgründige Analyse war ohnehin nie das Ziel. Präzise Dosierung hingegen schon. Zusätzlich wird die SRG ihre Social-Media-Aktivität reduzieren. Weniger Instagram. Weniger YouTube. Weniger digitale Präsenz. Es klingt fast wie ein Entzug. Eine mediale Diät. Eine Form der Selbstkasteiung im Namen der Fairness. Doch keine Sorge. Niemand verhungert.
Denn während die SRG offiziell «zurücktritt», übernehmen die privaten Verlage diskret die Aufgabe, die Narrative weiterzutragen. Dieselben Themen. Dieselben Perspektiven. Dieselben Interpretationen. Nur unter anderem Logo. Es ist die perfekte Illusion von Vielfalt. Unterschiedliche Marken. Gleiche Richtung. Man nennt es Kooperation. Früher hätte man es Koordination genannt.
Der Deal selbst wird als Schutz des Wettbewerbs verkauft. Eine Massnahme, um die privaten Medienhäuser zu stärken. Eine Geste der Fairness. Eine Anerkennung der Tatsache, dass die SRG mit ihrem gebührenfinanzierten Budget den Markt dominiert. Doch die Zahlen erzählen eine andere Geschichte. Rund 600 Millionen Franken aus Gebühren. Weitere 200 Millionen aus kommerziellen Einnahmen. Ein finanzielles Fundament, das so stabil ist, dass es selbst grundlegende Fehlentscheidungen problemlos absorbieren kann. Die SRG existiert nicht im Wettbewerb. Sie existiert ausserhalb davon.
Und genau deshalb kann sie es sich leisten, scheinbare Zugeständnisse zu machen. Denn ein Rückzug aus einem Bereich bedeutet nicht den Verlust von Einfluss. Es bedeutet lediglich die Verlagerung dieses Einflusses in andere Strukturen. Zum Beispiel durch Partnerschaften. Partnerschaften mit privaten Verlagen, die offiziell unabhängig sind. Privatwirtschaftlich organisiert. Eigenständig in ihrer redaktionellen Arbeit. Und zufällig Teil eines Systems, das zunehmend von Kooperation statt Konkurrenz geprägt ist. Es ist ein bemerkenswertes Ökosystem entstanden.
Ein Kreislauf, in dem öffentlich finanzierte Medien Inhalte produzieren, private Medien sie verstärken und beide Seiten davon profitieren, dass die Illusion eines pluralistischen Diskurses erhalten bleibt. Niemand kontrolliert alles. Aber alle kontrollieren genug. Die SRG begrenzt ihre Online-Artikel. Die privaten Verlage erhalten mehr digitalen Raum. Gleichzeitig profitieren sie von Kooperationen, Zugriff auf Inhalte und strukturellen Synergien, die sicherstellen, dass die grundlegende Architektur des medialen Einflusses unangetastet bleibt.
Es ist kein Rückzug.
Es ist eine Umstrukturierung.
Ein PR-Meisterwerk, das Einschränkung simuliert, während es Stabilität garantiert.
Besonders faszinierend ist die Reaktion der Medienbranche selbst. Applaus. Zustimmung. Zustimmung für eine Vereinbarung, die angeblich ihre eigene Wettbewerbsposition schützt. Ein seltenes Beispiel kollektiver Zufriedenheit in einer Branche, die normalerweise von Konkurrenz geprägt ist. Oder vielleicht auch nicht so selten. Denn echte Konkurrenz ist anstrengend. Sie ist riskant. Sie ist unberechenbar. Kooperation hingegen ist stabil. Berechenbar. Sicher. Sie garantiert, dass niemand zu viel verliert. Und dass niemand zu viel gewinnt.
Die Öffentlichkeit erhält den Eindruck, dass etwas verändert wurde. Dass Reformen stattfinden. Dass Institutionen auf Kritik reagieren. Dass Macht sich selbst begrenzt. Doch Macht begrenzt sich selten selbst. Sie reorganisiert sich. Die SRG wird weiterhin existieren. Weiterhin berichten. Weiterhin interpretieren. Weiterhin entscheiden, welche Themen relevant sind und welche nicht. Die privaten Verlage werden weiterhin veröffentlichen. Weiterhin kommentieren. Weiterhin Teil desselben medialen Ökosystems sein, das sich selbst stabilisiert.
Der Unterschied liegt nicht im Inhalt. Der Unterschied liegt in der Wahrnehmung. Die Bevölkerung sieht Einschränkung. Das System sieht Konsolidierung. Die Vereinbarung ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist ein Zeichen von Anpassungsfähigkeit. Ein System, das stark genug ist, um Kritik zu absorbieren, ohne seine Struktur zu verändern, ist ein stabiles System. Und Stabilität ist das höchste Ziel jeder Institution, die auf Einfluss basiert.
Am Ende bleibt die wichtigste Leistung dieses Deals nicht die tatsächliche Veränderung. Sondern die überzeugende Darstellung, dass Veränderung stattgefunden hat. Es ist die Kunst der modernen Medienpolitik. Nicht die Kontrolle auszuweiten. Sondern die Illusion zu schaffen, dass sie reduziert wurde…


«Dravens Tales from the Crypt» bezaubert seit über 15 Jahren mit einer geschmacklosen Mischung aus Humor, seriösem Journalismus – aus aktuellem Anlass und unausgewogener Berichterstattung der Presse Politik – und Zombies, garniert mit jeder Menge Kunst, Entertainment und Punkrock. Draven hat aus seinem Hobby eine beliebte Marke gemacht, welche sich nicht einordnen lässt.








