Album Review: The Other – Fear Itself

The Other“ gelten nicht ohne Grund als eine der bekanntesten Bands des Horror-Punks in Europa. Die Mixtur aus Punk, Horror und Goth ist Fans härterer Musik ja seit den Misfits oder Danzig in den Ohren. Punkige Musik mit Klängen anderer Subgenres zu vermischen und mit einem (Horror-)Image zu garnieren ist eben per se mal kein schlechtes Rezept. Die ähnlich agierende Konkurrenz ist „The Other“ nur selten qualitativ voraus und dennoch muss man nüchtern feststellen: Für die grosse Karriere reichte es „The Other“ bislang nicht. Nach der letzten Scheibe und dem Ausstieg einiger Bandmitglieder, ist doch noch Leben in dem alten Leichnam. Bei einer Horrorfilm-Reihe ist beim sechsten Teil meistens die Luft raus oder sie müsste sich ganz neu erfinden. Aber Filme sind keine Platten.

The Other - Fear Itself

Ganze drei Jahre sind seit der Veröffentlichung des letzten „The Other“ Albums „The Devils You Know“ ins Land gegangen. Eine Zeit, in der sich das Besetzungskarussell dermassen heftig drehte, dass die Band eine Weile praktisch nur noch aus Sänger Rod Usher und Schlagzeuger Dr. Caligari bestand. Doch mit Pat Laveau (Gitarre), Ben Crowe (Gitarre) sowie Aaron Torn (Bass) hat man adäquaten Ersatz gefunden und ist gar vom Quartett zum Quintett angewachsen. In dieser Besetzung veröffentlicht die Gruppe nun mit „Fear Itself“ ihr sechstes Album. Doch trotz des Besetzungswechsels bleiben die wirklich grossen Überraschungen bei den hier enthaltenen 14 Tracks aus. Man hört, dass nun zwei Gitarristen am Start sind, aber ansonsten sind sich „The Other“ treu geblieben. Die Truppe aus NRW ist nun seit 2002 unterwegs und trotz ständig wechselnder Musiker, vor allem Bassisten, hat ihre Musik nicht gelitten.

The Other - Band

Die Kölner Horror Punk Band ist nicht mehr aus der deutschen Szene wegzudenken, doch sollte man bei „The Other“ das Wort Punk nicht allzu wörtlich nehmen, denn der Sound ist stilistisch eher am Metal orientiert. So auch auf „Fear Itself“, dass wieder von Waldemar Sorychta (Grip Inc., Tiamat, Moonspell) produziert wurde, der bereits auf „The Devils You Know“ Regie führte und für „New Blood“ (2010) den finalen Soundmix gestaltete. Auch auf dem neuen Album vertrauen „The Other“ abermals auf eine breite Basis an verschiedenen Stilelementen. Was die Plattenfirma in ihrem Promoschreiben als „traditioneller Metal-Opener“ bezeichnet ist „Nie mehr“. Und genau dieser Song macht deutlich, welche Schwierigkeiten „The Other“ beim Durchschnittsfan wohl haben werden, denn dieser Song ist in erster Linie als „Deutschpunk“ zu verstehen, der mit dem Rest des Albums nichts zu tun hat. Mich persönlich stört der musikalische Abwechslungsreichtum keineswegs, Kritiker könnten diese breite Palette an Stilelementen aber für eine Orientierungslosigkeit halten.

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The Other - Dreaming of the Devil (official video)

Die Plattenfirma sieht zum Beispiel auch Elemente von „Thin Lizzy“, „Iron Maiden“, aber auch von „The Cult“ und „Danzig“. Und dann gibt es eben noch den Punk und meiner Meinung nach einen Schuss „The Visiom Bleak“, was wohl auf die Orientierung an die düstere Thematik zurückzuführen ist. Alles in allem nicht schlecht, aber ungewöhnlich und eventuell etwas unberechenbar. Gleich nach dem Intro schmettert das angesprochene „Nie mehr“ aus den Boxen, bei welchem sich die Kölner zum ersten Mal daran wagen, den Opener auf Deutsch zu präsentieren. Gerade nach der „Unheilig-Häme“, die sie für den Song „Ewigkeit“ ihrer letzten Platte hinnehmen mussten, war dies ein mutiger Schritt. „The Other“ liefern hier einen veritablen Punktrack, den sowohl Fans der „Toten Hosen“ wie auch der „Böhsen Onkelz“ feiern werden. Die Wut der 80er Jahre dringt aus den Zeilen, manifestiert sich in den Riffs der Gitarren und den wütenden Beats des Schlagzeugs. Grosses Kino gleich zu Beginn.

The Other - Logo

Danach beginnt der Abstieg in die dunkleren Gefilde. „Bloodsucker“ ist einer der ausdrucksstärksten Songs. Inspiriert von der 12 jährigen Claudia aus Anne Rices „Interview with a Vampire“ spielt der Track mit dem Umstand, dass Unsterblichkeit nicht immer erstrebenswert ist. Wer will schon immer zwölf Jahre alt bleiben? Ähnlich geht es bei den folgenden „Black Sails Against A Midnight Sky“ und „Dreaming Of The Devil“ zu. Bei „Black Sails Against A Midnight Sky“ überzeugen die Gitarrenmelodien, doch kann ich dem Gesang Ushers nicht wirklich etwas abgewinnen und auch der Refrain gefällt nur mässig. Vielleicht ist das Schema, nach dem die Stücke geschrieben sind, ein wenig zu vorhersehbar, oder es fehlte die ganz grosse, zündende Idee. Im Refrain zu „Dreaming Of The Devil“ heisst es dann auch „Dreaming, dreaming of the devil / You know it’s gonna be alright“, was irgendwie unausgegoren wirkt. An sich eine schöne Up-Tempo-Nummer, die sich auch auf der Tanzfläche gut machen wird.

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„Doll Island – Isla De Las Muñecas“ finde ich ziemlich interessant, denn die „Isla de las Muñecas“ ist eine Insel in den Kanälen vor Mexico City, auf welcher – passend zum Namen – hunderte verstümmelte Spielzeugpuppen in den Bäumen hängen. Die Geschichte hinter diesen Puppen ist, dass sie auf der Insel aufgehangen wurden um den Geist eines nahe der Insel ertrunkenen Mädchens zu vertreiben. Doch zurück zur Musik, denn diese ist auf dem sechsten Titel gut gelungen. Der Song beginnt mit einem ruhigen Part, der grösstenteils vom Bass und von seltenen, leicht verzerrten Gitarren getragen wird, während Usher die Geschichte um das ertrunkene Mädchen mit halb geflüstertem Gesang einleitet. Darauf geht der Titel in einen klassischen Heavy-Metal-Part über, gefolgt von seichten, gelungenen Melodien. Hammer Komposition! Wenn sich eine Horror Punkband mit den Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs auseinander setzt, sich die aktuelle Lage anschaut und eins und eins zusammenzählt, dann kommt ein Song wie „German Angst“ heraus. Wenn man sich Gruppierungen wie die Pegida ansieht, erkennt man, wie fürchterlich aktuell die Thematik nach wie vor ist. „German Angst“ ist eine bleischwere Metal-Nummer, die richtig Bock macht.

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The Other - Nie Mehr (Lyric Video)

Die zweite Hälfte des Albums ist im Grunde ein Spagat zwischen Mittelmass und Oberklasse, wie auch zwischen Metal und Punk. Während auch hier richtig gute Songs wie „In The Dark“ und „Screams In The Black House“ mit dabei sind, klingt „Funeral March“ für den Titel etwas zu schrill, obwohl beim Gesang von Usher man meinen könnte, dass Iggy Pop und Billy Idol in der Strophe mit im Raum stehen. In „The Price You Pay“ gibt es einen der besten „The Other“-Refrains aller Zeiten zu hören. Der Gesang klingt grossartig und instrumental hat man abwechslungsreiche Melodien, wechselnde Rhythmen und tolle Ideen in petto. Bei „Rise“ kommt dann der Punk wieder mehr zum Zug und versprüht inhaltlich wie optisch Horror- und B-Movie-Ästhetik. Abgeschlossen wird das Album vom dramaturgischen „Mephisto“, ein ganz grosser Wurf, der als Rausschmeisser toll gewählt ist, weil er Bock macht, nochmal reinzuhorchen. Ganz entfernt erinnert das „Mephisto“-Riff an „Subway to Sally“, wenn auch nicht an deren gleichnamigem Song. Der Refrain, in seiner Einfachheit kaum zu übertreffen, Rods düsteres, langgezogenes „Mephisto“ mit der kalten, fast metallischen wirkenden Zeile „Call my name“ wird zu einem spannungsgeladenen Ganzen, dass sich live sehr gut umsetzen lässt.

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„Fear Itself“ ist ein gelungenes Album, dass sich auf keinen Fall hinter seinem Vorgänger verstecken muss. Da nach dem letzten Album die Hälfte der Bandmitglieder in neue Gefilde fortgezogen sind, war klar, dass „Fear Itself“ anders klingen würde. Gerade durch die zweite Gitarre kommt der Sound nun voluminöser und mit noch mehr Druck daher. Das merkt man insbesondere bei Songs wie „Funeral March“, mit seinem starken Basstrack, der von den beiden Gitarren wunderbar aufgefächert wird. Dank Pat Laveau und Ben Crowe an den Sechssaitern und Aaron Torn am Bass sowie den wuchtigen Schlägen von Doc Caligari startet der Rausschmeisser Mephisto mit einer unglaublichen Wucht, die vorher nicht möglich gewesen wäre. Hoffentlich bleiben die fünf Jungs noch ein Weilchen zusammen, denn die Zusammenarbeit lässt auf zukünftige Platten lechzen. Die Band zeigt, es gibt nichts zu fürchten ausser die Furcht selbst. Sie jedenfalls gehen unerschrocken ihren Weg und lassen sich auch vom Weggang von Bandmitgliedern nicht bremsen. Ein wenig frischer Wind scheint der Band im Gegenteil sogar gut getan zu haben. Ein paar kleine Überraschungen hätte „Fear Itself“ eventuell noch vertragen können, aber „The Other“ bleiben sie selbst und sich dadurch treu. Der 80er Jahre Punkrock- Rock-, Horror-Mix zieht sich durch das ganze Album. Neben einer wohldosierten Prise Salz findet man zwar auch ein oder zwei Haare in der Suppe, aber die sind zu verschmerzen – unter dem Strich macht die Scheibe Spass, Rods Stimme ist nach wie vor schön anzuhören, die Tracks mit viel Verve und guter Atmosphäre eingespielt. Insgesamt finden sich viele schöne, kleine Experimente, die das Album bereichern, ohne den Roten Faden zu kappen. Wer „The Other“ bislang schon gut fand, wird auch mit „Fear Itself“ zufrieden sein. Für eine Empfehlung reicht es aufgrund der Unterhaltsamkeit der Platte allemal! Daumen hoch im Horrorfilm eher ab! „Fear Itself“ ist gruftig, mieft aber nicht!

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"Dreaming of the Devil" - Behind the scenes with The Other

Tracklist

  1. Fear Itself
  2. Nie mehr
  3. Bloodsucker
  4. Black Sails Against A Midnight Sky
  5. Dreaming Of The Devil
  6. Doll Island – Isla de las Muñecas
  7. German Angst
  8. Screams In The Black House
  9. In The Dark
  10. The Price You Pay
  11. Funeral March
  12. Animal Instinct
  13. Rise
  14. Mephisto
Album Review: The Other - Fear Itself
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Originalität9
Tempo8.5
Musikalische Fähigkeiten8
Gesang8
Songtexte8.5
Substanz7.5
Produktion9
Langlebigkeit7
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The Other - Dreaming of the Devil (official video)