Album Review: Schöngeist – Wehe!

Die Wikipedia Definition lautet: „Schöngeist – eine Person, die sich mit Begeisterung den Schönen Künsten und weniger den Alltagsdingen widmet.“ Dies passt gut zu der Band „Schöngeist„, da ihr Mittelpunkt der deutsch-türkische Sänger Timur Karakus sehr auf Ästhetik bedacht ist und das zeigt sich in den Klängen, dem Gesang und vor allem in den Textzeilen. Auf ihrem neuen Album „Wehe!“ gehen die Schöngeister einen weiteren Schritt in Richtung Gothic, klingen dabei aber nicht minder, sondern mehr nach Pop als zuvor. Trotzdem hat die Musik weiterhin mehr mit Rammstein als mit Unheilig zu tun. Gothic-Rock-Pop also, mit knallharten und sterilen Riffs, Violine und elektronischen Klängen. Dass u.a. Eisbrecher– und Megaherz-Frontmann „Alexx“ Wesselsky an der Entstehung der Titel beteiligt war, passt da natürlich gut ins Bild.

Schöngeist - Wehe!

Schöngeist“ ist einfühlsamer Goth-Rock mit deutschen Texten und modernem Pop-Appeal, verfeinert durch manch diverse Elektro-Elemente. In den Texten der Band dreht sich alles um das Menschsein und um die rasanten emotionalen Berg- und Talfahrten die jeder von uns erlebt. 2006 gründete der gebürtige Münchener Timur Karakus seine sechs Mann starke Band Schöngeist. Na gut, sechs „Mann“ ist nicht ganz richtig, Henny Becker besetzt die Position an der Violine/Keyboard und ihr fehlen zweifelsohne die maskulinen Merkmale. Als Bayer mit Migrationshintergrund (seine Eltern stammen aus Istanbul), stand für Timur eins im Vordergrund. Er wollte schaffen, was schier unmöglich schien und Orient und Okzident endlich vereinen und wenn es auch nur musikalisch ist. Geht nicht? Geht sehr wohl, denn so fremd sind sich die Klänge gar nicht und seine beiden bisherigen Studioalben „Liebeskrieger“ (2009) und „Keine Zeit“ (2011) stellen dies gekonnt unter Beweis. Das neue Album mit dem Titel „Wehe!“ ist die perfekte Hymne für all diejenigen die sich gerade im Kampf mit sich selbst und um die Zuneigung zu einer anderen Person befinden. „Das hat jeder von uns schon einmal erlebt“, beschreibt Sänger Timur Karakus. „Was bleibt, ist die verzweifelte Hoffnung und ein Wunschtraum, dem jede und jeder gerne hinterher hängt“. „Wehe!“ widmet sich allen unnahbaren, verschmähten, verlorenen und verbotenen Lieben und Leiden dieser Welt – und ist damit eine melancholische Hommage an die Liebe selbst.

Schöngeist

Mit der dritten Scheibe „Wehe“ legt die Gothic Rock Band „Schöngeist“ ein elegant-kraftvolles und komplett deutschsprachiges Album vor. Viele Gothrocker mit brachialer Attitüde gibt es derzeit, wie ASP oder Eisbrecher. Die etwas relaxtere Haltung vom stets gut gekleideten Timur und seiner Band, sowohl auf der Platte wie auch auf der Live-Bühne, gefällt da als kleiner Kontrast auffallend gut. Textlich konzentriert sich das Album auf das Zwischenmenschliche, Beziehungskonflikte, Hoffnung, Träume und Trauer – eine „melancholische Hommage an die Liebe selbst“. In gewisser Weise beschäftigt sich der Schöngeist also, entgegen der Definition, doch mit Alltäglichem. Auch im drohend klingenden „Wehe!“ besingt Karakus übrigens die Liebe – in diesem Fall die verschmähte. An der Entstehungsphase hatte sich Timurs langjähriger Wegbegleiter Alex Wesselsky textlich als auch musikalisch beteiligt. Der gleichnamige Titel zum Album zeigt jedenfalls deutlich auf, welche musikalische Reise Schöngeist hier einschlagen. Eingangs erklingt eine Violine, die genauso gut auf den Genuss eines Klassikalbums vorbereiten könnte. Doch nur wenig später setzen harten Gitarrensalven ein. Beim nächsten Stück spürt man deutlich die Einflüsse von Eisbrecher Frontmann Wesselsky. „Tief“ ist ein durchaus rockiger Song mit elektronischen Einflüssen. Stimmlich wechselt Timur bisweilen in eine heisere gequälte Stimmlage. Inhaltlich soll hier augenscheinlich jemand wachgerüttelt werden „Wie oft willst Du noch fallen?“ oder eben wie Tief?

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SCHÖNGEIST - Zusammen Allein

Daran anknüpfend beinhaltet „Wieder“ gleich zu Beginn Industrial-artige Sounds, bleibt aber mit dem Einsetzen von Gitarre, Bass und Drums im rockigen Gewand. Auch hier wählt der Musikästhet Karakus eine härtere stimmliche Gangart. Gekonnt spielt er zwischen weichen und einschmeichelnden, bis hin zu heiser und wütenden Passagen. Man möchte meinen eine gewisse Wut zu spüren. „Zusammen Allein“ versprüht eine ähnliche Grundstimmung wie sein Vorgänger und hat durchaus Ohrwurm-Potenzial. Eine langjährige verlorene Freundschaft wird hier thematisiert. Die Gefühle, die hier klanglich transportiert werden, mag wohl fast jeder nachempfinden können. „Wir sollten vergessen, nicht zuviel verlangen“, wahre Worte, die sehr prägnant in Szene gesetzt werden. „Ich Bin Dafür“ verwöhnt uns dann wieder mit einer warmen weichen Stimme. „Es Zählen Die Sekunden“ prescht direkt los, trotzdem bleibt der Gesang sanft und ruhig zu dem doch sehr temporeichen Song. Sind wir nicht alle ruhige Zeitgenossen, die angetrieben werden müssen? Das verdeutlicht dieser Song sehr anschaulich. Das gerade gewonnene Tempo wird auch in „Kenne Mich“ fortgesetzt. Ein sehr kurzweilig-rockiges Stück dominiert durch Gitarre und Schlagzeug mit auffallendem Chorus. „Traumtanz“ ist ein Appell an alle diejenigen, die am Leben verzweifeln. Den eigentlichen Abschluss des Albums bildet der sehr kraftvolle Song „Lebe“. Dieser Song rüttelt auf und fordert förmlich dazu auf zu leben und etwas aus seinem Dasein zu machen. Ein fulminantes Ende, doch nicht ganz, der Abschluss bildet die Interpretation des Nick Cave Klassikers „Where The Wild Roses Grow“.

Schöngeist - Timur

2013 dürfte ein absolutes Erfolgsjahr für die Münchner werden. Zunächst unterschrieb man einen Plattenvertrag beim Label Oblivion/SPV und nun steht am 30 August 2013 mit dem Album „Wehe!“ die nun mehr dritte Veröffentlichung ins Haus. Ein rundum gelungenes Alternative-Rock Album, das zum mehrmaligen Hören verleitet. Solider deutschsprachiger Rock mit einer gewissen Härte, Sinnlichkeit und einigen elektronischen Signaturen. Auf ihrem neuen Album kosten Schöngeist ihre gesamte musikalische Bandbreite aus. Auch nach mehrmaligem Hören findet man immer wieder Nuancen, die einem vorher entgangen sind, und kann diese für sich neu entdecken. Das ist wohl auch das schöne an dieser Art der Musik. Es werden keine allgemein verbindlichen Weisheiten transportiert, sondern Gefühle, Stimmungen und Erfahrungen. Lösungsansätze werden angedeutet, lassen aber genügend Raum, dass jeder seine eigenen Schlüsse ziehen kann. Irgendwann ist mir mal der Spruch untergekommen, „Wenn wir glücklich sind, geniessen wir die Musik, wenn wir traurig sind, verstehen wir die Texte“. Treffender kann man es für dieses Album nicht ausdrücken. Musikalisch sind alle Stücke sehr eingängig und auch einen gewissen Popcharakter hier und dort kann man nicht abstreiten. Nimmt man sich die Zeit, entdeckt man das tiefgründige in den Lyrics. Eine sehr vielversprechende Band, die man unbedingt im Auge behalten sollte! Wer die Band noch nicht kennt, mit Eisbrecher, Megaherz und Rammstein aber gute Erfahrung gemacht hat und sich mit etwas mehr Pop-Einfluss nicht schwer tut, sollte auf jeden Fall reinhören.

Tracklist:

  1. Wehe!
  2. Tief!
  3. Wieder
  4. Zusammen Allein
  5. Ich Bin Dafür
  6. Es Zählen Die Sekunden
  7. Kenne Mich
  8. Traumtanz
  9. Lebe
  10. Where The Wild Roses Grow

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