Es

Wovor hast du Angst?

Kurzinhalt

Die Freunde Stanley Uris, Richie Tozier, Mike Hanlon, Bill Denbrough Beverly Marsh, Eddie Kaspbrak und Ben Hanscom leben in einer Stadt namens Derry, in der immer wieder Menschen verschwinden – sowohl Erwachsene als auch vor allem Minderjährige. Schließlich erfahren die Kinder, die sich selbst auch den „Klub der Verlierer“ nennen, von einer interdimensionalen Kreatur, die Jagd auf Menschen macht und sich in die schlimmsten Alpträume ihrer Opfer verwandeln kann. Meistens tritt das Biest jedoch in Form des sadistischen Clowns Pennywise auf. Die Kinder schwören die Kreatur zu vernichten und kehren als Erwachsene in ihre Heimatstadt zurück, in der Pennywise erneut aufgetaucht ist.

Metadaten
Titel Es
Original Titel It
Regisseur Andy Muschietti
Laufzeit
Starttermin 5 September 2017
Website
Detail
Film-Details
Bewertung Gut
Trailer

Wenn der Horrormeister Stephen King persönlich zugibt, dass er in einem Film Angst verspürte, der auf einem seiner eigenen Romane basiert, dann lässt das nicht nur uns aufhorchen. Dass die Neuverfilmung von „Es“ gruselig geworden ist, ging durch alle Medien und ich muss zugeben, das die Neuverfilmung um ein vielfaches besser ist als das Original, dass mich grösstenteils nur gelangweilt hat. Ein sehr gelungenes Remake, dass die Stimmung des Buches gut einfängt. So muss eine Buchverfilmung aussehen.

Wer einen reinen Horrorfilm erwartet ist definitiv falsch, der ist generell bei Stephen King falsch, denn dieser Film ist kein blutiger Horrorschocker, wie es in Medienberichten ständig behauptet wird, sondern genau wie im Buch ist es hauptsächlich eine Geschichte über Freundschaft und Zusammenhalt. Der gesamte Look des Films wirkt wie aus den 80ern. Die Musik, die Kamera und die Effekte sind absichtlich etwas auf alt getrimmt. Den Losersclub schliesst man, ebenfalls genau wie im Buch, sofort ins Herz. Es gibt interessante Horror Elemente, wirklich lustige Passagen der derberen Art und Drama. Die jungen Schauspieler machen ihre Sache wirklich gut, es macht richtig Spass ihnen zuzusehen und Bill Skarsgard als Pennywise ist eine Wucht. Er lässt dem Wahnsinn Raum zum entfalten und unterzeichnet dies mit einer Mimik, die absolut grandios ist. Doch sollte man nicht den Fehler begehen, ihn mit Tim Curry vergleichen zu wollen. Beide spielen den Clown auf Ihre eigene Art und in meinen Augen wissen beide zu überzeugen. Bei Skarsgard sehe ich für den zweiten Teil sogar noch potenzial nach oben, wenn sich der zweite Teil mehr im düsteren Erwachsenen und Horror Bereich positioniert. Das schwedische Fotomodell Skarsgård, kurzfristig für Will Poulter (The Revenant, The Maze Runner) eingesprungen, dominiert mit seiner verspielt sadistischen Art den Film nach Belieben.

Nachdem Cary Fukunaga (True Detective) aufgrund Terminüberschneidungen den Stuhl räumen musste, kam mit dem argentinischen Filmregisseur Andy Muschietti (bürgerlicher Name Andrés Muschietti) einen Drahtzieher, welcher bisher nur einen einzigen Langspielfilm realisierte. Man darf dem Filmstudios auch feines Gespür attestieren, denn wer bei Muschiettis Filmdebüt genau hinschaut, erkennt darin das perfekte Bewerbungsschreiben für „It“. Bereits beim spanisch sprachigen „Mama“ spielte der Argentinier gekonnt auf der übernatürlichen Klaviatur, ohne dabei ins generische Horror-Geplänkel abzudriften. Kommt hinzu, dass Muschietti eine Horde talentierter Filmemacher zur Seite gestellt wurde. Besonders hervorzuheben sind Benjamin Wallfisch, der Golden Globe and Emmy nominierte Komponist, welcher „It“ abwechselnd in melancholische, verstörende, brutal abgefuckte oder wenn nötig auch mal optimistische Klangfarben taucht oder der für die Cinematography verantwortliche Koreaner Chung-hoon Chung. Chung ist sowas wie der Hauscinematograph Chan-wook Parks (Oldboy, Thrist, Stoker) und wer die Filme Parks kennt weiss, was für cineastische Leckerbissen hier ins Auge getröpfelt werden. Das R-Rating hätte für meinen Geschmack noch mehr ausgekostet werden dürfen. Ein paar abgetrennt Gliedmassen und Blutfontänen müssen hier reichen, um den Blutdurst von Gore-Hounds zu befriedigen. Dafür sind die Special Effects brilliant. Ein paar Szenen werden sich mit Sicherheit auf Lebzeiten in dein Gedächtnis einbrennen…

Der Losers-Club, bestehend aus jedem erdenkliche Klischées eines Coming-Out-Of-Age-Filmes, der Dicke, der Nerd, der Schwarze, das Mädchen, der Stotterer, der Hypochonder, verleiht dem Film etwas, was in einem Horror-Film leider selten vorhanden ist: Herz. Wie schon bei Stephen Kings „Stand By Me“, schöpft „It“ die Kraft des Films aus der Gruppendynamik der Losers. Wie sie gemeinsam oder in der Gruppe ihre eigenen, realen und fiktiven Dämonen gegenüber treten, ist auch ohne dem nach Blut und Angst geifernden Pennywise fesselnd. Wenn ich mich richtig erinnere, ernährt sich der von Tim Curry dargestellte Pennywise in erster Linie von der Angst, die die Kinder vor ihm empfinden. In der neuen Version profitiert der Clown aber auch – und besonders – von der Angst, die aus dem gesellschaftlichen Umfeld der Kinder und Jugendlichen generiert wird. Resultierend aus sozialer Ausgrenzung wegen (vermeintlicher) Nonkonformität, familiärem Druck, der hier teils exzessive Züge annimmt und immer wieder befeuert durch den allgegenwärtigen Pedobear, lässt sich Pennywise hier auch durchaus als Manifestation sozialer Phobien und eines gesellschaftlich tolerierten Grauens begreifen. Auf dieser Ebene ist die neue Verfilmung deutlich wirkungsvoller, gruseliger und grimmiger als auf der plakativen Oberfläche. Die Laufzeit von 135 Minuten geht runter wie Butter, trotzdem schafft es „It“ gegen den Schluss hin nicht, die Spannung aufrecht zu erhalten und driftet in den letzten 20 Minuten immer mehr in Richtung Deja-Vu-Horror. Auch die immer gleichen Jump-Scares ermüden mit der Zeit und lassen Pennywise gegen Ende recht lächerlich erscheinen. Schade. Trotzdem ist „It“ ein Highlight des Kinojahres – und des Horror-Genres.

„It“ ist stellt seinen Vorgänger locker in den Schatten. Ein brillanter Pennywise, sattelfeste Filmemacher und ein durchs Band weg sympathischer Cast heben den Film locker in die Top 5 aller Stephen-King-Verfilmungen. Und eins sollte man bedenken: ES hat mit diesem Teil gerade mal angefangen und ist bei der Hälfte angekommen, kein Film feuert all sein Pulver in der ersten Hälfte ab. Andrés Muschietti hat hier gute Arbeit geleistet, der angekündigte Directors Cut wird uns ca. 15 Minuten mehr an Film bescheren und Teil 2 im Jahr 2019 wird die Geschichte zu Ende erzählen. Das wir dabei sicher mehr Horror und Grusel zu sehen bekommen, daran zweifle ich nicht. Im Grossen und Ganzen ist „Es“ in meinen Augen kein perfekter, aber doch sehr unterhaltsamer Film. Wenn man über einige Probleme hinwegschauen kann, wird man seine Freude mit dem Film haben. Ich hatte bei dem Film bis zum Ende das Gefühl, eine Zeitreise gemacht zu haben, es war wie ein Nostalgietrip, der mich erinnerte, wer ich war und wer ich jetzt bin. Auch wenn ich offen für eine Fortsetzung bin, werden mir die jungen Schauspieler fehlen. Ein Film bei dem man sich gruselt, lachen kann und vielleicht auch zum Nachdenken anregt. Sich den Film anzuschauen um sich ein eigenes Bild zu machen lohnt auf jeden Fall – dabei sollte man die TV Adaption von damals aber ausser acht lassen…