Wo Eisbrecher drauf steht, sind auch Eisbrecher drin: Nachdem es Rammstein und Oomph! zunehmend an Ideen mangelt und der unheilige Graf den Wechsel ins Schlagerfach endgültig vollzogen hat, befinden sich Eisbrecher plötzlich auf dem Gipfel der „Neue Deutsche Härte“. Mit dem aktuellen Album „Die Hölle muss warten“ wurde musikalisch und inhaltlich das Rad nicht neu erfunden oder infrage gestellt, vielmehr hat man den guten Unterhaltungswert im Blick. Der Eisbrecher bahnte sich unbeirrt und umjubelt seinen Weg durch mittlerweile knapp 10 Jahre Bandgeschichte, und man musste keineswegs „Verrückt“ sein, um diese Reise in guter Erinnerung zu behalten. Pratteln war dabei letzten Samstag auch Teil der aktuellen Kreuzfahrt des NDH-Flaggschiffs und seiner „Höllentour“ und bescherte den Fans eine durchwegs grossartigen Abend.

Die Hamburger „Lord of the Lost“ eröffneten den Abend. Leider haben wir uns ein wenig verspätet, so dass wir nicht mehr allzu viel von den Dark Rockern mitbekommen haben. Doch das was wir sehen durften war dafür aber eine sehr solide Show mit Publikumsnähe und viel nackter Haut. „Lord of the Lost“ verstanden es insgesamt bestens, sich selbst (und ihre Körper) zu inszenieren. Musikalisch überzeugt haben auch „Break Your Heart“ und der Song „Eure Siege“. Nach Aussage von Chris Harms zählt dieser zu einigen Lord of the Lost/Eisbrecher-Cokompositionen, die es nach und nach zu hören geben wird. Zwar klang die Stimme seiner Lordschaft auf Deutsch etwas ungewohnt, doch an der Melodieführung und Ausgestaltung des Songs wurde der Einfluss der Szenegrössen deutlich.

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Nach einer kurzen Umbaupause, gespickt mit 80er-Klassikern, merkte man dann schon, dass es bald ernst werden soll. Die Titelmelodie des A-Teams läutete dann den Showbeginn von Eisbrecher ein. Nach und nach betraten die Bandmitglieder die Bühne und stimmten „Exzess Express“, von der neuen Platte, ein. Sofort setzte Sänger Alex Wesselsky mit seinen Mannen den rockigen Grundstein für die kommenden rund zwei Stunden und präsentierte sich dabei ebenso selbstironisch wie charismatisch. Zu „Willkommen im Nichts“ vom 2004er Debutalbum sollte sich die Stimmung dann gleich noch steigern. Direkt bohrte sich der Eisbrecherisch satte Sound durch Mark und Bein und lies den Stimmungspegel in der Halle schlagartig steigen, ehe es unter einem lauten Knall, lange Papierbänder und -schnipsel von der Hallendecke regnete.

Nach diesem impulsiven Opening wurde mit „Angst“ nachgelegt und ordentlich Dampf abgelassen, ehe man sich anschliessend in den „Abgrund“ stürzte. Mit dem Klassiker „Angst“ traf man natürlich direkt das Gehör des Publikums, bevor man sich dann doch mehr auf das neue Album konzentrierte. So kommen Songs wie „Abgrund“ und „Verrückt“ deutlich melodischer daher als viele älteren Sachen. Nun zog Kapitän Alex Zwischenbilanz und witzelte mit dem Publikum rum, dabei scheinen dem geborenen Entertainer nie die passenden Sprüche und zynischen Anspielungen auszugehen.

Überraschend wenig bekommt man auf der aktuellen Tour das neueste Erfolgsalbum „Die Hölle muss warten“ zu hören. Zwar läutete „Exzess Express“ den Auftritt mit neuem Material und im bekannten Rammstein-Stil ein, doch bereits danach entführten das ironische „Willkommen im Nichts“ und das eindringliche „Angst“ in ältere Zeiten. Insgesamt haben sich Eisbrecher trotz wachsenden Erfolgs erfreulich wenig verändert. Alle Musiker zeigten sich bei allerbester Stimmung und präsentierten sich ungemein homogen. Von Starallüren und sonstigen Auswirkungen des Sony-Deals keine Spur. Alex fragte das Publikum, ob es Jim Bean Trinker in der Halle habe, was auch lauthals durch einen Fan bestätigt wurde, damit dieser dann von Alex zurecht geweisen wurde, dass anständiger Whiskey aus Tennessee kommt und wenn der werte Herr Jim Bean Trinker das wüsste, er wohl auch nicht so klein geraten wäre… Nach dieser Feststellung war es an der Zeit eine Flasche Good Old Uncle Jack zu öffnen, welche Alex persönlicher Bediensteter „Dodo“, in Erfüllung seiner Pflichten, dem Sänger überreichte. Entsprechend feierten die Rocker nicht nur die neue Single „Verrückt“, sondern wahrten auch liebgewonnene Traditionen wie die kreisende Whiskey-Flasche bei „Leider“, die jedoch (erwartungsgemäss) nicht ihren Weg zurück auf die Bühne fand.

Erstaunlich fliessend wurde „Amok“ nebst Auf- und Abbau von vier Tonnen in die Hauptsetliste integriert. Ausgestattet mit Neondrumsticks prügelten die Musiker synchron im dunklen Scheinwerferlicht auf ihre Unterlagen ein, ehe im darauf folgenden Schlagerblock sowohl die Bühne als auch die Zuschauermenge in die buntesten Farben gehüllt wurde. Ein Paradebeispiel dafür wie fähige Lichttechniker ein ganzes Konzert aufwerten können. Selbiges gilt für den exzellenten Sound, sowohl im Rock- als auch im Akustikblock. Bevor anschliessend Alex und Jürgen auf ihren Hockern „Tränen lügen nicht“ und eine eigenwillige Interpretation von „In der Schweiz“ von Vico Torriani anstimmten. Zur Belohnung gab es für Jürgen an der Akustikgitarre noch ein Küsschen auf den Mund, bevor es mit „Engel“ weiterging. Dabei bewies der Frontmann seine Qualitäten als Schützenkönig als er mit imaginären Waffen gestikulierend Engel vom Himmel schoss.

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Anschliessend wurde aus den besten Bestandteilen aller Anwesenden der „Prototyp“ gebaut, um nach „Vergissmeinnicht“ eine kleine Pause einzuläuten, welche aber nicht lange dauern sollte, um mit „Schwarze Witwe“ und „Heilig“ dem Publikum gleich wieder ordentlich einzuheizen. Auch bayrische Trachtenfans sollten auf ihre Kosten kommen, nach einer Minutenlangen stilechten Jodeleinlage zu traditionellen Schuhplattler Verrenkungen, wurde das allseits beliebte „This is Deutsch“ angestimmt. Womit gleich erneut bewiesen wurde, dass sie nichts von ihrer ironisch-zynischen Art verloren haben.

Schnell stand man zu „Kann denn Liebe Sünde sein“ und „Ohne Dich“ wieder auf der Bühne und holte noch mal die restlichen Reserven raus. Folgte doch der Megaherz-Klassiker „Miststück“, der die Halle noch mal komplett zum kochen bringen sollte. „Die kommen doch von hier, oder?!“ schrie der Frontmann dem Publikum entgegen während er die Schweizer-Flagge schwang. Mit Publikumsgesang, einer Einlage von Clawfinger (Nigger) und Gitarrensoli wurde das „Miststück“ ordentlich abgefeiert und die Band verliess unter tosendem Jubel die Bühne. Das war pure Energie. „Wow! Was für ein Konzertabschluss.“ ging mir durch den Kopf. Doch sollten die Jungs die Bühne ein letztes Mal für diesen Abend betreten um den Titelsong der neuen Platte „Die Hölle muss warten“ rauszuhauen.

Eisbrecher überzeugten auf ganzer Linie durch musikalische Härte, eingängige Melodien und überraschend viel Abwechslung. Langeweile kam zu keiner Sekunde auf. Kapitän Alex hatte das Ruder den ganzen Abend fest im Griff, die Flasche zur Hand, den Spruch auf Lager. Sein Team war ihm an Körpergrösse zwar deutlich unterlegen, handwerklich jedoch über jeden Zweifel erhaben. Der Abend endete schliesslich zu Bonny Tylors „It’s a heartache“, welches plötzlich nach dem letzten Song über die Hallenlautsprecher erklang. Die Band verabschiedete sich lang und breit beim Publikum, verbeugte sich mehrmals und warf Rosen und Plüsch Eisbären in die verschwitzte Masse. Eine spassige Idee für eine düstere Band.

Freunde, dies war ein Konzert, welches in allerbester Erinnerung bleiben wird. Eisbrecher zählen definitiv zu den derzeit besten Live-Bands im deutschsprachigen Sektor und verstehen es, Eingängigkeit mit kraftvoller Härte zu verschmelzen. Auch der Humor hat voll meinen Geschmack getroffen und die ganze Show war einfach schlicht und ergreifend grossartig! Locker könnte man den Herren noch weitere Stunden zuhören, denn die rund 2 Stunden waren äusserst kurzweilig und gelungen, so dass sicherlich keinerlei Gründe gab zu meckern. Eisbrecher sind eine grossartige Live-Band, haben immer etwas den Schalk im Nacken und ich kann nur jedem Freund guter Musik die Herren empfehlen. Falls die Jungs also bei euch in der Nähe spielen sollten, unbedingt Tickets kaufen, es lohnt sich wirklich!

Setlist:

  1. Exzess Express
  2. Willkommen im Nichts
  3. Angst
  4. Abgrund
  5. Verrückt
  6. Antikörper
  7. Leider
  8. Herz aus Eis
  9. Amok
  10. Tränen lügen nicht
    (Michael Holm Cover)
  11. Engel
  12. Prototyp
  13. Vergissmeinnicht
  14. Zugabe:

  15. Schwarze Witwe
  16. Heilig
  17. This Is Deutsch
  18. Zugabe 2:

  19. Kann denn Liebe Sünde sein
  20. Ohne Dich
  21. Miststück
    (Megaherz Cover)
  22. Zugabe 3:

  23. Die Hölle muss warten

Der Swisscom Talk mit Eisbrecher vom Januar 2012 hat zwar nicht direkt etwas mit dem Konzert zu tun, aber ich muss dieses Interview einfach noch dazu pappen, da es doch wieder einiges zu Erfahren und zu Lachen gibt 🙂

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Die Eiszeit ist vorbei - Eisbrecher in der Schweiz
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