Zwei Stühle, ein Keyboard und eine Akustikgitarre, viel mehr braucht Everlast nicht, um sich auf der Bühne wohlzufühlen. Die Rap-Attitüde hat der Amerikaner seit einem Jahr in den Keller verbannt, nachdem er mit „House Of Pain“ 2012 zum 20-jährigen Bandjubiläum auf Tour war, hat er jetzt genug davon. „Hip-Hop gehört den Jungen“, erklärt er im Interview. „Ich werde zwar noch im Studio rappen, aber für so exzessive Tourneen bin ich zu alt.“ Auch heute bezeichnet er sich und seine Musik noch als „puren HipHop“, letztlich geht es doch ums Storytelling. Da spielt es keine Rolle, ob man als MC oder als Singer/Songwriter die Gefolgschaft an seinen Lebensgeschichten teilhaben lässt. Everlast hat in den vergangenen Jahren gelernt, wie er das tiefe Timbre seines Organs ausreizen kann. Seine Stimme klingt an diesem Abend jedenfalls, als hätte er in den letzten 25 Jahren nie etwas anderes gemacht. Die Stimmung im ausverkauften Kofmehl konnte besser nicht sein und der mittlerweile komplett ergraute New Yorker Mittvierziger konnte mit seiner eineinhalbstündiger Singer and Songwriter-Performance absolut begeistern.

An Acoustic Evening With Everlast

Es bedarf keiner zwei Songs um die Wohlfühlatmosphäre auf der Bühne auch in die ausverkaufte Location zu übertragen. Es gibt wahrlich nicht viele Künstler, die dermassen authentisch zwischen zwei – oberflächlich betrachtet – grundverschiedenen Musikgenres hin- und herpendeln können wie Everlast. Der ehemalige House Of Pain-Frontmann will Geschichten erzählen. Ob mit Hilfe eines kompletten DJ-Sets oder lediglich Akustisch: Everlast ist und bleibt ein Lyric-Wizard, der den musikalischen Background nur als Soundtrack für seine Erzählungen nutzt. Dem heisernen Bariton des Erik Schrody (so Everlasts bürgerlicher Name) vermag sich keiner zu entziehen und so brennt sich dieser im kollektiven Gedächtnis mit seinem Blues fest. Es braucht nicht viel für ein intimes Konzert. Nämlich einen Keyboarder und einen Mann an der Gitarre. Den Rapper sieht man ihm allerhöchstens am etwas weitgeschnittenen Kleidungsstil an. Everlast singt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist und dieser Tatsache ist es zu verdanken, dass er Zeilen wie „I Kill Anyone For You“ von sich geben kann, ohne, dass jemand Angst vor ihm haben müsste. Der Künstler selbst wirkt in seiner spärlichen Instrumentalisierung sehr zufrieden und die Stimmung im Kofmehl ist nicht nur heiss, sondern kochend. So schweisstreibend, dass Everlast immer wieder seine Gitarre und sein Gesicht mit einem Tuch abwischen muss und man sich wünschte, der Gig hätte in einem kleinen, verrauchten Club stattgefunden und nicht im ausverkauften Kofmehl.

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„Ich habe bei Shows immer auch ein paar akustische Nummern gespielt. Mit der Zeit wurden es immer mehr. Und viele gefielen mir so besser als in den ursprünglichen Rock-Arrangements, weil das die Form ist, in der ich sie schreibe.“ So hat Everlast im Frühjahr die CD „Life Acoustic“ veröffentlicht, die die Akustik-Versionen seiner bekanntesten Songs (inklusive des House-Of-Pain-Hits „Jump Around“) zusammenfasst. „Lieder und Texte zu schreiben ist mein Leben“, sagt er. „Dafür verehre ich Tom Waits und Bill Withers: Deren Songs sind ewig gültig. Der heutige Rap aber ist zu 90 Prozent Mist. Da gibt es keine Aussage mehr, die verkaufen den Kids doch nur mehr Mode oder – noch schlimmer – Drogen. Die Rapper von heute sind nur mehr Sklaven der grossen Konzerne, haben an nichts Interesse als an einem fetten Bankkonto.“ Mit Songs wie „Black Jesus“ hat Everlast selbst auch schon einige Songs geschrieben, die in ihrer Sozialkritik heute noch relevant sind. Was ihn inhaltlich aber nicht stört: „Wer sagt, dass wir uns als Gesellschaft weiterentwickeln müssen? Ich schreibe über die Natur der Menschen und die dreht sich wie alles in der Natur im Kreis. Es wird nie eine Zeit ohne Kriege, Korruption und Hunger geben – da habe ich keinerlei Illusionen. Halte ich das für falsch? Natürlich! Also werde ich nicht aufhören, über diese Dinge zu schreiben und aufzuschreien, wenn ich etwa finde, dass meine Regierung Scheisse baut.“

An Acoustic Evening With Everlast

Zwischen den Songs nimmt sich der New Yorker immer wieder Zeit, um in Erinnerungen zu schwelgen. Everlast hat in seinem Leben viel erlebt und er lässt seine Anhängerschaft gerne daran teilhaben. Erik Schrody nimmt kein Blatt vor den Mund. Seine Anhängerschaft bedankt sich wahlweise andächtig lauschend oder frenetisch jubelnd. Die Bodenständigkeit, die der Sänger ausstrahlt ist beeindruckend. Er widmet den Song „Stone in my Hand“ den inhaftierten Frauen von „Pussy Riot“ und wirkt sehr ehrlich dabei. Als bei der langsamen, akustischen Version des „House of Pain“-Klassikers „Jump Around“ einige Zuschauer der lyrischen Aufforderung folgen, ist er sichtlich überrascht. „Ich dachte nicht, dass man zu dieser Version tatsächlich hüpfen kann“, sagt er. „Ihr habt mir das Gegenteil bewiesen.“ Das Duo fährt so ziemlich alles auf, was der Everlast-Katalog zu bieten hat und bleiben dem Kofmehl keinen Hit schuldig. Von „Black Jesus“ über „White Trash Beautiful“ bis zu „What It’s Like“ fehlte nichts. Leise und aufbrausende Passagen sowie das Spiel mit der Dynamik beherrschen Everlast und sein Keyboarder äusserst gut, dadurch wird die minimal instrumentalisierte Musik nie langweilig.

An Acoustic Evening With Everlast

Everlast sah auf dem Balkon das Transparent einer jungen Frau, auf dem stand „Please Play Maybe“. „Ich habe dein Schild gesehen“, sagt der stämmige Amerikaner und erfüllt ihren Wunsch, obwohl er den Song offensichtlich länger nicht mehr gespielt hatte, „Ich versuche mich gerade an den Song zu erinnern.“ Los gehts mit viel Improvisation und kurzen Pausen, um nach den richtigen Akkorden zu suchen. „Sorry, aber ich glaube nicht, dass wir das Lied je live gespielt haben.“ und als er sich vergriff, blickte er die junge Frau mit schuldbewusstem Hundeblick an und zuckte entschuldigend mit den Schultern. Das Publikum ist ausser sich. Besser kann ein Konzert wohl kaum laufen und das war der Moment des Abends und unterstrich die Authentizität des Mannes auf der Bühne. Der Amerikaner verfügt über eine Ausstrahlung, die dafür sorgt, dass die Menschen ihm aus der Hand fressen, was spätestens bei den nicht enden wollenden „NaNaNa“-Gesängen von „Put Your Lights On“ gut zu sehen war. Everlast sorgte im Kofmehl für Gänsehaut und der Sound von ihm erzeugt stets Bilder im Kopf. Nach knapp eineinhalb Stunden ist endgültig Schluss, auch wenn viele noch hoffen, dass sich der „White Devil“ noch einmal blicken lässt, doch daraus wurde nichts. Ein grossartiger Abend mit einem noch viel grossartigeren Künstler, bei dem man sich einzig der Performance entsprechend den Auftritt in einer kleinen Bar, mit viel weniger Leuten, bei Whiskey und Zigarre gewünscht hätte.

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An Acoustic Evening With Everlast - Intim, authentisch und nachhaltig
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