Ghost Dog – Der Weg des Samurai

Gefällt mir!

Ghost Dog - Der Weg des Samurai

19991 h 56 min
Kurzinhalt

Ghost Dog lebt über der Welt - in einer selbstgebauten Hütte neben einem Taubenschlag auf dem Dach eines verlassenen Gebäudes. Er ist ein professioneller Killer und durchwandert, lautlos und ungesehen, die Stadt - wird eins mit der Nacht. Sein Leitfaden ist ein alter Verhaltenskodex der japanischen Kriegerkaste - der Samurai. Als sein Leben auf dramatische Weise von einer zerrütteten Mafiafamilie bedroht wird, die gelegentlich seine Dienste in Anspruch nimmt, reagiert er streng nach dem Kodex - dem Weg des Samurai..

Metadaten
Titel Ghost Dog - Der Weg des Samurai
Original Titel Ghost Dog: The Way of the Samurai
Regisseur Jim Jarmusch
Laufzeit 1 h 56 min
Starttermin 13 September 1999
Website
Detail
Film-Details
Bewertung Meisterwerk
Trailer

„Ghost Dog – Der Weg des Samurai“ ist ein wahrlich brillantes Actiondrama mit einem mehr als hervorragenden Soundtrack. In „Ghost Dog – Der Weg des Samurai“ macht Jim Jarmusch Forest Whitaker zur Killermaschine. Der Film ist eine Art „Zeitlupenthriller“, bei dem der Weg das Ziel ist. Der Film gleitet ebenso wie seine Hauptfigur dahin und lässt eine bruchfreie Bild-und-Ton-Sinfonie entstehen. Eine ungewöhnliche Mischung aus Poesie und Trash in der Machart von Tarantinos „Pulp Fiction“. Jim Jarmuschs ebenso unorthodoxe wie atmosphärische Meditation über den Tod bietet ein absolut betörendes Kinoerlebnis – poetisch, musikalisch, mafiös.

Eigentlich schert sich Jim Jarmusch keinen Deut um die Geschichte, sondern interessiert sich vielmehr für die Schönheit ihrer Gesten, den rhythmisch schwingenden Gang des massigen Ghost Dog, seine weissen Handschuhe, den Klang zuschnappender Autotüren und die Sounds aus den Musikanlagen der geklauten Wagen. Das Spiel der Rituale generiert eine Ode an die Schönheit des Killerhandwerks und an die Sinnlichkeit des Kinos. Der Film hat eine enge Bindung zum Hip Hop. So wurde der komplette Soundtrack vom Wu-Tang-Clan-Gründer RZA komponiert und es sind auch weitere Songs des New Yorker Rappers und Produzenten im Film zu hören. Darüber hinaus haben RZA und andere Mitglieder aus dem Umfeld des Wu-Tang-Clans kurze Gastauftritte. Der Club „Liquid Swords“, der in einer Szene kurz zu sehen ist, verdankt seinen Namen einem Album des Rappers „The GZA GZA“, welches ebenfalls von RZA produziert wurde. Der Running Gag im Film, dass der Mafiosi Sonny Valerio ein grosser Fan der Gruppe Public Enemy ist, basiert auf einen Artikel über inhaftierte Mafiosi, die im Gefängnis ihre Vorliebe für Hip Hop entdeckten, den der Regiesseur Jim Jarmusch zuvor gelesen hatte.

Zwei Stunden verbringen wir in der Welt des „Ghost Dog“, einem Profikiller, der um sich selber in dem dreckigen Randbezirk der urbanen Metropole der Neuzeit eine Art modernen Samurai kreiert. Gespielt von einem wirklich starken Forest Whitaker entwickelt sich hier eine ebenso faszinierende wie zunächst unrealistisch wirkende Figur. Jedenfalls wird manch einer sich schon erstmal wundern, wenn ein Schwarzer in einer Gegend wie aus Eminems „8 Mile“ beschliesst, sein Dasein als professioneller Mörder nach dem Samurai Kodex zu verbringen. Umso erstaunlicher, dass es Jarmusch tatsächlich gelingt, einen Film zu drehen, dem es gerade zum Ende hin kein bisschen an Glaubwürdigkeit mangelt und der beängstigend authentisch wirkt. Begleitet vom nahezu immer präsenten, simplen wie grossartigen und vor allem passgenauen Soundtrack entwickelt sich ein spannendes, ungewöhnliches und vor allem interessantes Portrait über den etwas anderen Serienkiller. Philophische Ansätze und die Coolness eines Tarantinos reichen sich dabei die Hand und erreichen eine wirklich aussergewöhnliche Mischung, die den Film für den ein oder anderen sicher einfach nur skurril wirken lässt, für andere aber zu einem wunderschönen Stück Independent Kino sind.

Jim Jarmusch und seinen Filmen nähert man sich am besten über drei Begriffe: Minimalismus, Independent und Postmoderne. Denn wie bei kaum einem anderen Regisseur tragen sie alle die typischen Erkennungszeichen seines Stils – die reduzierten Dialoge, endlos langen Einstellungen und handlungsarmen Plots. Und doch gleicht kein Film dem anderen, zu vielschichtig sind die sorgsam gesetzten Details, zu komplex seine filmischen Baupläne. Die zahllosen Referenzen an Literatur, Kino und Popkultur, so wie der narrative Faden, der sie alle in gewisser Weise miteinander verbindet. Geradezu exemplarisch für dieses Prinzip der Kontinuität und Weiterentwicklung steht „Ghost Dog – Der Weg des Samurai“, der sowohl thematisch als auch stilistisch an Jarmuschs apokalyptisches Western-Epos (Dead Man) erinnert. Wie gewohnt konzentrierte sich Jarmusch auch diesmal ganz auf seinen Hauptdarsteller, Forest Whitaker (Der letzte König von Schottland, Platoon). Und das aus gutem Grund, denn mit seiner emotionalen Präsenz und physischen Stärke spielt Whitaker so gut wie nie zuvor und erzeugt dabei eine Atmosphäre, wie sie eindringlicher kaum hätte sein können.

Es ist bemerkenswert, mit welchem Geschick Jarmusch Versatzstücke aus verschiedenen Genres und Kulturtraditionen immer wieder aufs Neue miteinander verknüpft, gleichzeitig aber die Gesamtgestaltung zu keinem Moment aus den Augen verliert. Doch nicht nur inhaltlich – etwa durch Ghost Dogs Adaption der Samurai-Identität – sondern auch auf formaler Ebene stehen Thematik und Ästhetik in ständigem Austausch. Ebenfalls eine wichtige Rolle erfüllen diverse Zitate und Referenzen, wie der Ausschnitt eines „Itchy & Scratchy“-Cartoons, in dem sich der lokale Streit über die Gewaltspirale in einen symbolischen Weltkrieg potenziert. Jarmusch unterbricht an diesen Stellen zum einen den Handlungsfluss, setzt reflexive Ruhepunkte, zum anderen überzeichnet er den inneren Konflikt bis ins Groteske und deutet zugleich den weiteren Verlauf des Geschehens voraus. Am Ende ist es der bedingungslose Glaube an den Ehrenkodex, aus dem das Drama des Films entspringt. Denn wie seine Identität als Samurai, die Ghost Dog über den Wert des eigenen Lebens stellt, beruht auch der Racheplot gegen die Mafia auf dem fatalen Missverständnis, Louie hätte ihm damals aus Überzeugung und nicht aus reinem Selbstschutz das Leben gerettet. Die Wahrheit ist: Die Wirklichkeit ist immer nur ein Konstrukt, eine Fülle von Einzelheiten, die je nach Wertetradition und eigenem Interesse unterschiedlich gedeutet wird. In dieser Erkenntnis liegt Jarmuschs eigentliche Botschaft, sie bedingt den gegenseitigen Respekt im Pluralismus der Kulturen. Einfach ein toller Film, der sich traut andersartig zu sein.